SUN TZU und die Philosophie des Kampfes

ALA Sun Tzu

 

Kurz vor Ende des Jahres hat unsere Hauptautorin noch einen etwas kontroversen Text parat.

Doch was hat ein 3500 Jahre alter Kriegermönch mit heutigen Entwicklungen zutun? Und wie kann er uns helfen?

Sun Tzu’s Hauptwerk „Die Kunst des Krieges“ bewegt bis heute viele Menschen. Das liegt weniger darin, dass der alte Chinese ein Militärgenie war, sondern dass seine philosophischen Lehren universal anwendbar sind. Sun Tzu war nicht nur General und Gelehrter, sondern auch Philosoph und geschickter Diplomat. Viele seiner „Kriegsweisheiten“ basieren darauf, dass man einen Krieg beenden kann bevor er anfängt bzw. ein gewalttätiger Kampf nicht das oberste Ziel strategischen Agierens sei. Sun Tzu lässt sich sowohl zivil als auch militärisch auslegen und für große Gruppen oder auch das individuelle Leben anwenden.

Dazu muss man wissen, in Asien ist Kampf und Krieg nicht nur das bloße Hauen und Stechen. Es ist ein gesamtphilosophisches Konzept nachdem jedes Individuum mindestens im Streit mit sich selbst liegt. Viele asiatische Glaubensrichtungen und Philosophien haben daher Ausgleich und das finden der inneren Mitte zum Thema. Erst wenn das eigene selbst ins Ungleichgewicht gerät muss man in den Kampf ziehen. Dieser kann dann mental oder mit Waffen ausgefochten werden. So fokusieren sich z.b. auch viele südasiatische Kampfkünste auf das Gleichgewicht des Kämpfers. Wer nicht mit sich selbst im Reinen ist wird eine bevorstehende Herausforderung oder gar einen Krieg nicht bewältigen können.

Sun Tzu prägte vor allem die Weisheit, dass die beste Schlacht die ist, die man gar nicht erst ausfechten muss. Aus Sicht des Generals wie Diplomaten ein nachvollziehbarer Gedanke. Eine gut geölte Militärmachinerie nützt nichts, wenn man diplomatisch unfähig ist. Das mussten schon so manche frühere und heutige „Weltreiche“ unschön feststellen. Schon der alte Chinese wusste, dass man mit einer Armee keine Konflikte lösen kann und militärisches Eingreifen im ungünstigsten Falle die Lage sogar noch verschärft.

Natürlich kann man als Weltmacht – egal welche – sich ständig aufführen wie der Elefant im Porzellanladen, nur auf lange Sicht wird man damit nichts erreichen. Viele Konzepte des Kampfes und der Selbstverteidigung basieren daher nicht umsonst auf der Maxime, dass bevor es zu Gewalttätigkeiten kommt man versucht die Situation angemessen zu entschärfen. Das gilt für übergriffige Trunkenbolde ebenso wie für kriegerische Konflikte.

Bei all der chinesischen Weisheit, aber was hat das denn jetzt alles mit uns zutun?

Als ich noch in der Friedensbewegung unterwegs war fiel mir zuerst auf wie wenig die Friedensbewegten offenbar über militärische Vorgehensweisen oder auch nur diplomatische hatten. Man fand sich in einem linken Grüppchen wieder, dass sich zur Not mit alles und jedem solidarisierte, Hauptsache man fand das Militär doof und es wurde abgerüstet. Egal wie. Da fand man bei Gelegenheit auch Islamisten und Faschos gut, wenn die versprachen „Frieden“ zu bringen. Das irritierte mich über die Jahre so sehr, dass ich mich schließlich von den Friedensbewegten verabschiedete. Spätestens als die sich zu Beginn der Ukraine-Krise unternanter nicht entscheiden konnten, wen man denn jetzt unterstützen wollte und die ohnehin kleine Friedensbewegung sich noch mehr zersplitterte und am Ende musste man sich zwischen Putinfans, Reichsbürgern und Antideutschen herumschubsen lassen. Bei allen gleichermaßen verpönt war jedoch das Lesen von militär-theoretischer Literatur: Sei es nun Sun Tzu, Clausewitz oder Hans von Dach. So als würde die bloße Beschäftigung mit dem Thema einen irgendwie verbrennen.

Dabei geht es bei allen drei Genannten nicht ums reine militärische Töten und Erobern, sondern um Strategien, die sich je nach Lage auch auf ziviles Zusammenleben ummünzen lassen. Es geht um Philosophie, Psychologie und nicht zuletzt um ganz praktische Organisationsfragen. Ich erwische mich so manches Mal wie ich denke „Lest mehr Sun Tzu und weniger Adorno!“ Auch weil der alte Chinese ziemlich praktisch veranlagt war.

Sicher, in einer perfekten Welt gäbe es den totalen Weltfrieden. Wir leben aber nicht in einer perfekten Welt und der Mensch ist Äonen davon entfernt ein perfektes Wesen zu sein. Die Menschen haben viel zu viele, unterschiedliche Interessen, um jeden Konflikt mit Blumen und Zuckerwatte lösen zu können. Und dann gibt es natürlich noch die Menschen, die Kapitalismus und Faschismus einfach „geil“ finden und für die Frieden – im Inneren wie Äußeren – einfach nicht erstrebenswert scheint. Ein Problem mit dem die Menschheit schon seit Tausenden von Jahren kämpft.

Für kämpferische oder revolutionäre Bewegungen kann es unter Umständen geschickter sein sich mehr an praktischer Lebensorganisation toter, chinesischer Mönche zu orientieren als an alten Professoren mit ihren abgehobenen Texten für eine kleine Elite von Jüngern. Auch weil sich ein nicht unwesentlicher Teil des Werks Sun Tzu’s darum dreht, dass, wenn ich die gewalttätige Konfliktlösung wählen muss, diplomatisch gescheitert bin. Bei Sun Tzu kommt immer erst der Diplomat und dann das Schwert, denn wenn ich mein Gegenüber gewaltsam niederdrücken muss (ob nun verbal oder militärisch), ist die Situation bereits außer Kontrolle und gescheitert. Im Grunde eine ganz simple Weisheit, die in der konfrontativen, teils extrem aggressiv agierenden, deutschen Linken kaum Gehör findet. Auch ein Grund warum hierzulande kaum gemeinsame Lösungen gefunden werden ist eben dieser extrem konfrontierende Tonfall. Interessanter Weise gibt der Konflikt hierzulande selbst den Ton an, wenn man angeblich Konsens und verbalen Frieden haben möchte. Ohne aggressives Vorrücken scheint es nicht zu gehen. Bei unseren südlichen Nachbarn in Spanien z.b. sieht das ganz anders aus. Oder der demokratische Kulturschock deutscher Linker in Kurdistan. (siehe Neues Deutrschland –> https://www.neues-deutschland.de/artikel/1074327.freiwillige-in-nordsyrien-eine-miliz-in-rojava-ist-kein-linker-lesekreis.html ) Dass man Konflikte lösen kann ohne sein Gegenüber nieder zu machen und regelrecht zu vernichten, das müssen wir hierzulande erst wieder lernen wie Kleinkinder das Erlangen von Sprache. Das dabei ausgerechnet ein Kriegermönch helfen könnte ist eines der vielen Paradoxen menschlichen Seins.

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