Politik & Militanz – Teil I: Was ist eigentlich eine Miliz?

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In der Gai Dao Ausgabe vom März 2018 wurde uns nach unserem Interview im Februar vorgeworfen wir wöllten schlichtes Hooligan-Remmidemmi und zurück in die 30er Jahre und die Weimarer Republik.

Die folgende Beitragsserie soll dazu dienen zu erklären, was es heißt militanz zu organisieren. Und die muss, wenn sie erfolgreich sein will, mehr sein als eine Kreuzberger Straßenschlacht

1. Ursprünge von Krieg und organisierter Gewalt

Um zu verstehen wie Milizen und Militanz funktionieren müssen wir zurück, ans Ende der Steinzeit vor ca. 10.000 Jahren gehen, als die Menschen sich langsam von nomandischen Sippen zu sesshaften Stämmen entwickelten. Es ist mittlerweile archäologisch bewiesen wie der Krieg entstand: durch die Sesshaftigkeit und die damit verbundenen Besitzansprüche und endlichen Ressoucen. Waren während der Nomadenzeit die Rohstoffe knapp oder ganz aufgebraucht zog man weiter ins nächste Gebiet. Das nomadische Leben war jedoch hart. Jeden Tag musste gejagt werden und es war nicht immer sicher, dass man im nächsten Gebiet genug auch genug Ressourcen für die Sippe fand. Dadurch dass es jedoch keinen Landbesitz gab beschränkten sich die meisten Konflikte auf kleinere Stammesstreitigkeiten. Die konnten zwar auch Blutvergießen nach sich ziehen wuchsen jedoch nicht in einen Krieg aus.

Die Definition von Krieg:

Krieg ist der Konflikt zwischen organisierten Armeen. Er ist kein kleiner Streitfall, sondern organisierte Gewalt gegen einen oder mehrere Gegner.

Krieg gab es also erst mit dem aufstellen einen organisiertes Heeres, das keine andere Aufgabe hatte als kriegerisch zu agieren. Das Hauptmerkmal des Krieges ist die organisierte Gewalt durch ebenso organisierte Armeen. Zwar gab es auch vorher auch schon Streitigkeiten, die im Mord enden konnten, doch war Krieg eine deutlich höhere Stufe der Eskalation, die direkt mit den Gebietsansprüchen eines Stammes zutun hatte. Wer sesshaft war musste seine Ressourcen verteidigen. Dazu gehörten Wasserquellen, landwirtschaftliche Flächen und Infrastruktur.Bis heute haben sich die Motivationen hinter Krieg kaum geändert. Fast immer geht es um die Kontrolle von Ressourcen und Land. Mit der Sesshaftigkeit und dem Besitz kam auch der Machtanspruch. Dabei ist es egal, ob es sich dabei um Nationalstaaten handelt oder ethnische, politische und religiöse Gruppen. Krieg bleibt bekanntlich immer gleich.

 

2. Unterschied zwischen Armee und Miliz

Bereits früh begannen die Menschen mit der Aufstellung professioneller Armeen. Diese wurden in der Regel durch die Besteuerung der Zivilbevölkerung finanziert. Von der Antike bis in die Moderne blieben die Organisationsprinzipien relativ ähnlich.

Gleichzeitig zu den professionellen Heeren entstanden auch immer wieder Milizen und Gurellias. Der Unterschied besteht im wesentlichen darin, dass Milizen nicht aus Berufssoldaten bestehen, sondern aus Zivilisten, die sich bewaffnet haben. Oft geschieht das durch z.b. einen Aufstand oder Überfall auf die Armee. So werden in der Frühphase Waffen und Ausrüstung an sich gebracht.

Anders als die Armee ist die Miliz auf den Rückhalt in der Bevölkerung angewiesen, die sie mit Nahrung, Informationen und Unterschlüpfen versorgt. Daher ist es für Armeen, die gegen Milizen kämpfen oft schwierig den Unterschied zwischen Zivilbevölkerung und Aufständischen zu ziehen. Beides wird sowohl von den Milizen als auch den Armeen bewusst vermischt. Für die Milizen  um unterzutauchen und für die Armeen, um Terror auf die unterstützende Bevölkerung auszuüben.

 

3. Stufen von Milizen

Die meisten Milizen versuchen einen Großkrieg zu vermeiden und spezialisieren sich daher auf den Kleinkrieg. Dieser wird mit leichten Waffen und wenigen Leuten ausgeführt. Der Kampf im Hinterland ist fast so alt wie der Krieg selbst. Von den Germanen, die in den tiefen Wäldern den Römern auflauerten bis zu den Guerillas der Moderne, wie dem Vietcong, blieb die Taktik immer gleich.

Als kleine Gruppe ist es nicht möglich ein großes Heer direkt zu schlagen. Daher verlegt man sich auf den Zermürbungskampf. Der legt vor allem Hinterhalte, begeht Attentate oder Sabotageakte. Meist ausgehend von einem unwegsamen Hinterland in das mit großen Truppenverbänden nur schwer vorzudringen ist.

Die nächste Stufe beginnt, wenn der Gegner durch den Kleinkrieg bereits geschwächt ist und man die vielen kleinen Gruppen beginnt zu einer Armee zusammenzuführen, um den Gegner auf breiter Front anzugreifen. So wie z.b. der Vietcong gegen Ende des Vietnamkrieges zu Teilen in die Nordvietnamesischen Streitkräfte überging. In dieser Phase können die Übergänge zwischen Armee und Miliz fließend sein und sich auch je nach politischer Lage stark unterscheiden.

Ohne die Unterstützung der Bevölkerung ist jedoch solch ein Miliz-Krieg nicht möglich. Was passiert, wenn die Bevölkerung einen nicht unterstützt musste Che Guevara feststellen als er die bolivianischen Bauern zum revolutionären Kampf anstacheln wollte. Diese standen jedoch eher auf der Seite der Regierung als auf der der Kommunisten. Die ganze Unternehmung endete damit, dass die Gruppe um Guevara brutal aufgerieben wurde und er schließlich vom CIA hingerichtet wurde.

 

4. Sonderform I: Stadtgurellia

Die Stadtguerillas hat ihre Ursprünge in den südamerikanischen Befreiungskämpfen. Anders als üblich agieren die Milizen hier direkt im Stadtgebiet und ziehen sich statt in unwegsames Hinterland in sichere Viertel oder Häuser zurück. Zu den Kampfformen der Stadtguerillia gehören Besetzungen von Sendern oder Zeitungen, Geiselnahmen, Attentate und Sabotage. Wichtig ist dabei vor allem die Medienwirksamkeit und die Fähigkeit die Presse für sich und seine Forderungen zu gewinnen, um Rückhalt in der Bevölkerung zu generieren.

Doch auch eine Stadtguerilla kann ohne Rückhalt in der Bevölkerung nicht operieren. Wie das aussieht, wenn dies nicht der Fall ist zeigt die Rote Armee Fraktion, die zu großen Teilen aus Studenten der 68er Bewegung bestand. Geld, Ausbildung und Waffen bekam sie überwiegend aus dem Ausland: aus der DDR, der Sowjetunion oder dem Nahen Osten. In ihrem Operationsgebiet, der BRD, besaß sie jedoch wenig Rückhalt, auch weil ihre Operationen immer gewalttätiger wurden und sich zunehmend gegen die Zivilbevölkerung richteten. Die ideologischen Ziele der Marxisten und Leninisten hingegen rückten jedoch immer stärker in den Hintergrund. So behauptete man zwar stetig gegen den Kapitalismus und das „Schweinesystem“ zu kämpfen, visierte aber in erster Linie zivile Ziele an, die nur mit sehr viel Phantasie mit dem kommunistischen Befreiungskampf in Verbindung zu bringen waren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete Mitte der 90er Jahre auch der bewaffnete Kampf als Geldquellen zunehmend versiegten.

Eine andere Form der Stadtguerilla kann das Aufstellen von Stadtteil- oder Provinzmilizen sein wie es z.b. in den USA, der Schweiz, Italien, Spanien oder Griechenland der Fall ist. Diese Milizen gibt es sowohl vom Staat unterstützt als auch autonom gegen den Staat gerichtet. Einige übernehmen polizeiliche oder katastrophenschutztechnische Aufgaben, andere sind eher eine Art Schützenverein für gelangweilte Patrioten.

In der Geschichte gab es jedoch auch diverse revolutionäre Arten dieser Guerilla. So gab es in den 30er Jahren in vielen Arbeitervierteln solche Milizen, die sich aus Kommunisten und Anarchisten zusammensetzen. Manche davon waren Rotfrontkämpfer, andere gehörten den Schwarzen Scharen an und wieder andere machten ihr ganz eigenes Ding. Die roten Milizen der 30er Jahre hatten vor allem das Ziel Arbeiterviertel und kommunistische Betriebe vor faschistischen Überfällen zu schützen. Sie gab es derweil nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch in England, Frankreich oder Spanien. Diese Milizen waren internationalistisch und bewegungsorientiert.

 

Sonderfall II: Die Schweiz – Wenn die Armee zur Gurellia wird

In ihrer wechselhaften Geschichte wurde die Schweiz zahllose Male von außen erobert. Es erhoben Deutsche, Österreicher, Ungarn, die italienischen Stadtstaaten oder die bayrischen Königreiche immer wieder Besitzansprüche auf die kleine Alpenrepublik. Vom Mittelalter bis in die Moderne hin unterschied sich die schweizer Armee daher von vielen anderen Armeen in Europa. Es ist die einzige Armee, die offiziell den Guerillakrieg praktiziert. In den 80er Jahren ging der Generalstab von einer sowjetischen Invasion aus und entwickelte ein Konzept zwischen Heer und Miliz. So besitzt die Armee zwar auch schwere Geschütze wie Panzer und Atillerie, doch ein großer Teil des schweizer Konzepts besteht bis heute daraus, dass sich Infanterietruppen in die schwer begehbaren Bergregionen zurückziehen und einen Kleinkrieg gegen die Angreifer durchführen. Daher gibt es in der Schweiz auch staatliche Milizionäre. Das sind sozusagen zivile Soldaten, die ihre Kleinwaffen (Pistolen, Gewehre) Zuhause im Keller haben und im Fall eines Angriffs vorher zugewiesene Punkte wie Straßenkreuzungen oder Anhöhen einnehmen. Ebenso wie kleine, getarnte Gruppen, die Hinterhalte oder Sabotage verüben. Sollte das Heer fallen ist es Aufgabe der Milizen den Gegner zu zermürben und zur Aufgabe zu zwingen.

Zwar gibt es auch in Polen oder der Tscheschischen Republik Milizsysteme, doch die Schweiz richtet diese explizit für den Guerillakampf aus, während die Milizen in z.b. Polen vor allem die regulären Armeekräfte unterstützen sollen. Die Schweizer Armee ist hingegen viel stärker auf Bergkampf und verdeckte Einsätze ausgerichtet. Dabei vermischen sich die Armeekräfte in klassischer Art mit der Zivilbevölkerung.

 

 

 

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Guter Soldat, Böser Soldat – Über das paradoxe Verhältnis der politischen Linken zum Militär

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Die Militanzdebatte ist eine der ältesten und wohl durchgekautesten Debatten innerhalb der linken Bewegung. Neues gibt es nur wenig zu berichten, da seit ungefähr 150 Jahren die immer gleichen Argumente auf beiden Seiten ausgetauscht werden. „Ermüdend“ ist da noch eine der diplomatischeren Bezeichnungen für den Zustand des Diskurses.

Dabei wird von Friedensbewegten wie auch Militanten oft ein wichtiger Punkt völlig außer acht gelassen: das paradoxe Verhältnis beider Seiten zum Militär. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein pazifistischer Friedensbewegter, der hierzulande gut und gerne Bundeswehr-Veranstaltungen stört, im nächsten Moment von den Internationalen Brigarden während des spanischen Bürgerkriegs schwärmt, und der Militante sich plötzlich nicht mehr sicher ist, ob er den Kampf der revolutionären Kurden in Nordsyrien gut finden soll, schließlich seien da auch „komische Leute“ dabei. Da wird dem einen Tag noch für „Waffen für Rojava“ gesammelt und am nächsten demonstriert man gegen die Bundeswehr, weil man das Töten aus moralischen Gründen ablehnt.

Irritiert? Wir auch. Fragt man nun beide was denn nun der Unterschied zwischen einer staatlichen Armee und einer Armee unter einer staatsähnlichen Administration ist wird man von beiden nur einen Satz zu hören bekommen: „Aber das kann man nun wirklich nicht vergleichen!“

Viele Linke glorifizieren die Rote Armee, die Spanienkämpfer oder eben die kurdische YPG, lehnen gleichzeitig jedoch organisirte, nationale Armeen als „imperialistisch“ ab. Der theoretische Unterbau des Ganzen geht beim Friedensbewegten wie Militanten in der Regel so: „Staatliche Armeen sind immer von wirtschaftlichen Interessen geleitet und verteidigen kein Ideal oder einen Aufstand.“

So, so. Das reine Ideal für das es zu kämpfen lohnt, zur Not mit der Waffe in der Hand. Im Grunde ist das nicht anders als in anderen Armeen auch. Westliche Streitkräfte führen seit Jahrzehnten im Nahen und Mittleren Osten Krieg unter der Flagge der Demokratie, der Freiheit und der Gleichberechtigung.

„Aber das ist doch was völlig anderes als im anarchistischen Spanien gegen Frankisten zu kämpfen!“, werden jetzt einige einwerfen.

Oberflächlich betrachtet ja. Schaut man genauer hin sind die wenigsten wegen höherer Ideale beim Militär. Die meisten wegen des Geldes, andere weil sie sich an der Waffe ausbilden lassen wollen und manche einfach nur, weil sie in der kapitalistischen Gesellschaft keinen Fuß auf die Erde bekommen, bei der Armee jedoch mit offenen Armen empfangen werden. Zu glauben das sei bei Rebellengruppen oder autonomen Militäreinheiten großartig anders ist schlicht und einfach naiv.

Die Unterteilung in den „guten, gerechten Soldaten“ und den „bösen, raffsüchtigen Soldaten“ ist Humbug. Und Krieg ist auch für Revolutionäre nicht mehr als ein Geschäft.

Die paradoxe Auffassung von Militär in der Linken fußt auf einem theoretischen, überidealisierten Oberbau, der mit der Realität nur wenig zutun hat. Der Idealismus ist lediglich ein PR-Konzept um eine bewaffnete Truppe gut zu verkaufen. An die Bevölkerung vor Ort und natürlich an die fleißigen Spender und Unterstützer im Ausland.

Daraus resultiert in großen Teilen der Linken regelrechte Unkenntnis gegenüber militärischer Vorgehensweisen. Dagegen dann treten Idealisierung, Bürgerkriegs-Romantik und natürlich das gute, alte Konzept „Mag ich nicht, muss ich mich nicht mit beschäftigen!“ auf den Plan. Der gute und der böse Soldat – allgegenwärtig.

Was in der gegensätzlichen Militanz-Debatte so fehlt sind vor allem Faktenkenntnisse. Die Debatten über Miliz und Militär sind oft so ideologiegeladen, dass ein offenes Nachdenken über sinnvolle Militanz kaum möglich ist.

Das hindert, insbesondere in Zeiten in denen überall in Europa rechte Gruppen an Macht gewinnen, die hochmilitarisiert und terroristisch aktiv auftreten. Dem hat die linke Bewegung nichts entgegen zu setzen außer der ewigen Frage, ob man militant sein darf oder nicht. An der Militanzfrage offenbart sich nur zu oft die Spaltung und Handlungsunfähigkeit der Linken, die lieber 100 Jahre alte, ideologische Kamellen aufwärmt als sich ernsthaft mit dem Thema auseinander zu setzen. Und eine ernsthafte Auseinandersetzung braucht es, wenn das Feld nicht den reaktionären, rückwertsgewandten Kräften überlassen werden soll.

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Kämpfer der zapatistischen EZLN beim militärischen Drill.