Politik & Militanz – Teil II: Von schwarzen Blöckchen und echter Community Defense

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Fragt man den 0815-Linksautonomen hierzulande, was Militanz ausmacht, dann wird er euch vermutlich seine Sammlung an Sonnenbrillen, Balaclavas und schwarzen Windbreakern zeigen. Dazu noch ein paar Bengalos und geklaute Mercedessterne – die heutzutage übrigens auch nur angemaltes Plastik sind und kaum noch als Statussymbol taugen. Mit etwas Glück wird er euch dann erzählen auf wie vielen Demos er war, wo er coole Militanz gemacht hat und wie oft er schon in Polizeigewahrsam war. Alles eine Frage der TactiCoolness. (TacticalCoolness = wenn man sich nur aus Gründen der Coolness mit Waffen und (Militär)Ausrüstung behängt. Ein klarer Fall für die Sektion Superkrass.)

Mit echter Militanz hat das in etwa so viel zutun wie ein veganer Burger mit Rinderhack.

Die ursprüngliche Idee hinter dem sogenannten Schwarzen Block (der im übrigen eine Polizeibezeichnung für die schwarz gekleideten Demonstrationsblöcke in den 80ern war), dass man bei Aktionen der Massenmilitanz, z.b. in der Anti-AKW-Bewegung, in einer gleich gekleideten Masse verschmilzt und so die Verfolgung durch die Polizei erschwert wird. Massenmilitanz bedeutete damals aber Demonsstrationsblöcke mit 10.000 Teilnehmern und Aufwärts. Mit einer Gruppe von 200 Leuten und weniger einen Schwarzen Block zu machen – wie es heutzutage oft der Fall ist – hat hingegen mehr etwas davon sich ein Fadenkreuz direkt auf die Brust zu malen.

Schafft es heute eine linke Demonstration mehr als 1000 Leute auf die Straße zu bringen gilt das schon fast als Großdemo. An Massenmilitanz ist theoretisch nicht zu denken. Das ist für so manchen TactiCoolen aber längst kein Grund nicht so zutun als ob.  Davon Abgesehen, dass die Methode Tür und Tor öffnet für von der Polizei eingeschleußte Agents Provocateurs, denn schwarz vermummen kann sich jeder – wirklich jeder! Zumal es längst zur üblichen Vorgehensweise der Polizei gehört Zivilpolizisten in Schwarze Blöcke zu schleußen, um Steine auf Polizisten zu werfen und so brutales Vorgehen zu rechtfertigen – und natürlich die Bilder von linken Demos zu produzieren, die man politisch braucht.

Der Schwarze Block ist also mittlerweile alles, nur keine angemessene Form der Militanz mehr. Da hilft es auch nichts auf eventuelle Riot-Romantik zu verweißen. Diese Form der Militanz hat sich längst selbst überlebt.

 

Wege zur Community Defense

Redet man in Deutschland über Militanz oder gar über die Gründung von Community Defense Gruppen, dann kämpft man gleich an zwei Fronten. Einmal gegen die Pazifisten, die weniger Pazifismus als Passivität von einem hohen moralischen Ross herunter predigen. Die übliche Argumentation ist, dass Gewalt böse ist weil sie böse ist. Oft garniert mit einem „Wenn die Nazis uns töten wollen dürfen wir das nicht, weil wir wollen ja besser sein als die.“ In der Praxis nützt das nur wenig wenn schwer bewaffnete und vor allem gewalterfahrene Faschogruppen mit 50 Mann vor dem Haus stehen und die Linken im Inneren wie verschreckte Hühner nicht wissen, was sie tun sollen außer den Notruf zu wählen, der ihnen dann jene Polizisten anbringt, die sich mit den Faschisten die Hände schütteln und erstmal die Personalien der angegriffenen Linken aufnehmen, insofern sie sie nicht gleich festnehmen. Die Antwort auf Gewalt und Terror kann nicht sein, dass man wenn man schon am Boden liegt noch bereitwillig die andere Wange hinhält. Das hat weniger mit Pazifismus als mit religiöser Selbstgeiselung zutun.

Die andere Front ist die „militante Szene“ selbst, die in der Regel aus den oben beschrieben 0815-Autonomen besteht, die dann vor allem nach außen hin mackerhaft auftreten, aber von echter Militanz kaum eine Ahnung haben. Nicht nur, dass Militanz viele, verschiedene Formen haben kann und nicht zwangsläufig mit dem Gewehr in der Hand ausgefochten wird, sondern auch, dass diejenigen die sich am krassesten geben mitunter die ersten sind, die weglaufen, wenn es hart auf hart kommt. In diesen Gruppen geht es oft vor allem und Schein statt Sein, um zelebrierte Partisanen-Romantik und Traditionen. Das typische Argument: „Aber in den 80ern war das cool!“

Denjenigen von uns, die einen Kalender neben sich liegen haben, dürfte bereits aufgefallen sein, dass das auch schon wieder fast 40 Jahre her ist. Es nützt ja nichts wie ein verkrusteter Konservativer ständig auf Traditionen zu pochen, die schon längst nicht mehr zeitgemäß sind.

Und selbst diesen Leuten ist dann unwohl über Community Defense zu sprechen. Die lose Militanz des Schwarzen Blocks ist unverbindlich und nach ein paar Stunden in der Regel auch wieder vorbei. Echte Community Defense würde aber bedeuten Geld, Zeit und Ressoucen in feste Strukturen stecken zu müssen, die länger als ein Festivalwochenende halten müssen. Der Einwand, dass das mit der jetzigen Linken nicht zu machen ist ist nachvollziehbar, aber nicht praktikabel. Die Linke in Deutschland, aber auch im Rest Europas, braucht völlig neue, praktische Strukturen. Es hilft eben nichts ständig über den Zustand der Linken zu jammern und dann wenn es um Strukturen geht alles abzulehnen. Ideell befinden sich viele in ihrem Erdloch und hoffen noch, dass Kelch des Facshismus schon an ihnen vorbeigehen wird. Zusätzlich zu dieser linken Angststarre kommen dann oft Bedenken, ob es legal ist. Eines der besten Argumente, weil man als Linker, Antifaschist, Kommunist oder Anarchist ja vor allem Angst vor Gesetzen haben sollte, die sich gegen Humanismus und die Arbeiterklasse als solches richten. Ein wirklich brilliantes Argument, was leider nur allzu oft geträllert wird. Und gerade aus den Mündern der angeblichen Autonomen immer wieder sehr erheiternd.

Um das nochmal klar zu stellen: Bei Community Defense geht es ja nicht darum sich mit dem Staat gut zu stellen. Alles, was Militant ist, ist auch illegal. Das liegt schon einmal im Wesen der Sache. Und das nicht nur nach deutscher Rechtslage. Wenn die „Rechte“ des Staates aber bedeuten, dass Terror völlig legitim ist und es völlig normal ist, dass Nazigruppen Migranten und Linke durch Innenstädte jagen und die Polizei nur ein Helfer derjenigen ist, die sowieso schon Terror ausüben, dann erübrigt sich die ständige  Frage nach der Legalität völlig.

Statt also immer neue Gründe zu finden warum Community Defense gerade nicht geht sollte man Gruppen bilden und vor allem ausbilden. Was den meisten militanten Aktionen nämlich fehlt ist das Wissen wie man eigene Militanz ausübt. Zurückgegriffen wird im schlimmsten Fall auf irgendwelche Leitfäden aus den 80ern mit teilweise abenteuerlichen Schilderungen über den Bau von Sprengstoffen und Aktionsmöglichkeiten. Auch das kann nicht Basis einer Community Defense sein. Denn es fehlt meist nicht an Waffen, sondern an der der Ausbildung damit. Es fehlt ebenso an Basiswissen zu Funk, Kommunikation und schlicht und einfach Wehrfähigkeit. Zumindest wenn man nicht wie ein Trottel auf alles sinnlos eindreschen will. Um effektiv zu sein benötigt es Geld, Ausbildung, Ressourcen und vor allem Leute, die nicht nur in den Semesterferien mal kurz aktiv sind und ihren Aktivismus als Hobby ausführen, dass man alle paar Wochen wechseln kann.

In Deutschland gibt es für derartige, milizähnliche Organisationen auf linker Seite keinerlei Strukturen. Auf rechter Seite sind diese schon längst etabliert, weshalb die meisten Linken bei Angriffen von Faschomilizen kaum etwas entgegen zu setzen haben.

Sollte der Fall der Fälle eintreten und es „hart auf hart“ kommen hätte die Linke als Bewegung einer rechten Machtübernahme oder schlichten Straßenterror nichts außer netter, politisch korrekter Wortspielereien zu entgegnen. Eine Bewegung muss sich, ihre Prinzipien und nicht zuletzt ihre Mitglieder verteidigen können. Ideell, Argumentativ und im schlimmsten Fall militant in der direkten Konfrontation.

Die Community Defense will diese Verteidigungsfähigkeit ausbauen, sie gezielt nutzen und im Extremfall auf der Straße wirken. Und ja, im Fall der Fälle hieße das auch das eigene Leben einzusetzen um eigene Strukturen oder schlicht Menschen zu schützen – und das dauerhaft und nicht als Hooligantruppe, die sich mal an einem Wochenende prügelt und am Tag darauf ins Studium oder auf Arbeit zurückkehrt als sei nichts gewesen. Es geht eben nicht, um „Erlebnisse“ und „Spaß an Gewalt“, sondern um Security-Konzepte wie man eigene Organisationen schützt, Angriffe abwehrt und auch evtl. selbst durchführt.

Das klingt alles recht militärisch und dürfte schon allein deshalb den meisten LeserInnen dieses Blogs aufstoßen, dennoch ist es nötig sich zu schulen. Man kann nicht warten bis die Katastrophe eingetreten ist und erst dann anfangen etwas aufzubauen. Und die Siege der „Rechtspopulisten“ – um nicht zu sagen Faschisten – in ganz Europa zeigen, dass es mehr als 5 vor 12 ist, um derartige Strukturen aufzubauen.

Das alles verlangt aber von der Linken als solches, dass sie aufhört alles nach „Spaßfaktor“ zu bewerten und sich, auch wenn es weh tut, um Strukturen zu kümmern, die auf den ersten Blick nicht nur „Arbeit“, sondern auch noch noch unangenehm sind. Die Linke ist jedoch schon lange keine Bewegung im eigentlichen Sinne mehr, sondern besteht eher aus Hobbyaktivisten und Spaßpolitikern, die mal 5 Jahre politisch sind und nach dem Studium oder der Ausbildung lieber dem kapitalistischen Leistungsprinzip entsprechen, um ihren Kindern dann sagen zu können: „Schau, so krass war der Papa (die Mama) mal drauf, in seinen (ihren) wilden Jahren!“

Verlässlichkeit ist nach wie vor das größte Problem der Linken. Und gerade Community Defense muss eben diese Verlässlichkeit bieten, ansonsten ist sie nicht mehr als ein LARP-Verein, der auf Revolutionär macht.

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Politik & Militanz – Teil I: Was ist eigentlich eine Miliz?

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In der Gai Dao Ausgabe vom März 2018 wurde uns nach unserem Interview im Februar vorgeworfen wir wöllten schlichtes Hooligan-Remmidemmi und zurück in die 30er Jahre und die Weimarer Republik.

Die folgende Beitragsserie soll dazu dienen zu erklären, was es heißt militanz zu organisieren. Und die muss, wenn sie erfolgreich sein will, mehr sein als eine Kreuzberger Straßenschlacht

1. Ursprünge von Krieg und organisierter Gewalt

Um zu verstehen wie Milizen und Militanz funktionieren müssen wir zurück, ans Ende der Steinzeit vor ca. 10.000 Jahren gehen, als die Menschen sich langsam von nomandischen Sippen zu sesshaften Stämmen entwickelten. Es ist mittlerweile archäologisch bewiesen wie der Krieg entstand: durch die Sesshaftigkeit und die damit verbundenen Besitzansprüche und endlichen Ressoucen. Waren während der Nomadenzeit die Rohstoffe knapp oder ganz aufgebraucht zog man weiter ins nächste Gebiet. Das nomadische Leben war jedoch hart. Jeden Tag musste gejagt werden und es war nicht immer sicher, dass man im nächsten Gebiet genug auch genug Ressourcen für die Sippe fand. Dadurch dass es jedoch keinen Landbesitz gab beschränkten sich die meisten Konflikte auf kleinere Stammesstreitigkeiten. Die konnten zwar auch Blutvergießen nach sich ziehen wuchsen jedoch nicht in einen Krieg aus.

Die Definition von Krieg:

Krieg ist der Konflikt zwischen organisierten Armeen. Er ist kein kleiner Streitfall, sondern organisierte Gewalt gegen einen oder mehrere Gegner.

Krieg gab es also erst mit dem aufstellen einen organisiertes Heeres, das keine andere Aufgabe hatte als kriegerisch zu agieren. Das Hauptmerkmal des Krieges ist die organisierte Gewalt durch ebenso organisierte Armeen. Zwar gab es auch vorher auch schon Streitigkeiten, die im Mord enden konnten, doch war Krieg eine deutlich höhere Stufe der Eskalation, die direkt mit den Gebietsansprüchen eines Stammes zutun hatte. Wer sesshaft war musste seine Ressourcen verteidigen. Dazu gehörten Wasserquellen, landwirtschaftliche Flächen und Infrastruktur.Bis heute haben sich die Motivationen hinter Krieg kaum geändert. Fast immer geht es um die Kontrolle von Ressourcen und Land. Mit der Sesshaftigkeit und dem Besitz kam auch der Machtanspruch. Dabei ist es egal, ob es sich dabei um Nationalstaaten handelt oder ethnische, politische und religiöse Gruppen. Krieg bleibt bekanntlich immer gleich.

 

2. Unterschied zwischen Armee und Miliz

Bereits früh begannen die Menschen mit der Aufstellung professioneller Armeen. Diese wurden in der Regel durch die Besteuerung der Zivilbevölkerung finanziert. Von der Antike bis in die Moderne blieben die Organisationsprinzipien relativ ähnlich.

Gleichzeitig zu den professionellen Heeren entstanden auch immer wieder Milizen und Gurellias. Der Unterschied besteht im wesentlichen darin, dass Milizen nicht aus Berufssoldaten bestehen, sondern aus Zivilisten, die sich bewaffnet haben. Oft geschieht das durch z.b. einen Aufstand oder Überfall auf die Armee. So werden in der Frühphase Waffen und Ausrüstung an sich gebracht.

Anders als die Armee ist die Miliz auf den Rückhalt in der Bevölkerung angewiesen, die sie mit Nahrung, Informationen und Unterschlüpfen versorgt. Daher ist es für Armeen, die gegen Milizen kämpfen oft schwierig den Unterschied zwischen Zivilbevölkerung und Aufständischen zu ziehen. Beides wird sowohl von den Milizen als auch den Armeen bewusst vermischt. Für die Milizen  um unterzutauchen und für die Armeen, um Terror auf die unterstützende Bevölkerung auszuüben.

 

3. Stufen von Milizen

Die meisten Milizen versuchen einen Großkrieg zu vermeiden und spezialisieren sich daher auf den Kleinkrieg. Dieser wird mit leichten Waffen und wenigen Leuten ausgeführt. Der Kampf im Hinterland ist fast so alt wie der Krieg selbst. Von den Germanen, die in den tiefen Wäldern den Römern auflauerten bis zu den Guerillas der Moderne, wie dem Vietcong, blieb die Taktik immer gleich.

Als kleine Gruppe ist es nicht möglich ein großes Heer direkt zu schlagen. Daher verlegt man sich auf den Zermürbungskampf. Der legt vor allem Hinterhalte, begeht Attentate oder Sabotageakte. Meist ausgehend von einem unwegsamen Hinterland in das mit großen Truppenverbänden nur schwer vorzudringen ist.

Die nächste Stufe beginnt, wenn der Gegner durch den Kleinkrieg bereits geschwächt ist und man die vielen kleinen Gruppen beginnt zu einer Armee zusammenzuführen, um den Gegner auf breiter Front anzugreifen. So wie z.b. der Vietcong gegen Ende des Vietnamkrieges zu Teilen in die Nordvietnamesischen Streitkräfte überging. In dieser Phase können die Übergänge zwischen Armee und Miliz fließend sein und sich auch je nach politischer Lage stark unterscheiden.

Ohne die Unterstützung der Bevölkerung ist jedoch solch ein Miliz-Krieg nicht möglich. Was passiert, wenn die Bevölkerung einen nicht unterstützt musste Che Guevara feststellen als er die bolivianischen Bauern zum revolutionären Kampf anstacheln wollte. Diese standen jedoch eher auf der Seite der Regierung als auf der der Kommunisten. Die ganze Unternehmung endete damit, dass die Gruppe um Guevara brutal aufgerieben wurde und er schließlich vom CIA hingerichtet wurde.

 

4. Sonderform I: Stadtgurellia

Die Stadtguerillas hat ihre Ursprünge in den südamerikanischen Befreiungskämpfen. Anders als üblich agieren die Milizen hier direkt im Stadtgebiet und ziehen sich statt in unwegsames Hinterland in sichere Viertel oder Häuser zurück. Zu den Kampfformen der Stadtguerillia gehören Besetzungen von Sendern oder Zeitungen, Geiselnahmen, Attentate und Sabotage. Wichtig ist dabei vor allem die Medienwirksamkeit und die Fähigkeit die Presse für sich und seine Forderungen zu gewinnen, um Rückhalt in der Bevölkerung zu generieren.

Doch auch eine Stadtguerilla kann ohne Rückhalt in der Bevölkerung nicht operieren. Wie das aussieht, wenn dies nicht der Fall ist zeigt die Rote Armee Fraktion, die zu großen Teilen aus Studenten der 68er Bewegung bestand. Geld, Ausbildung und Waffen bekam sie überwiegend aus dem Ausland: aus der DDR, der Sowjetunion oder dem Nahen Osten. In ihrem Operationsgebiet, der BRD, besaß sie jedoch wenig Rückhalt, auch weil ihre Operationen immer gewalttätiger wurden und sich zunehmend gegen die Zivilbevölkerung richteten. Die ideologischen Ziele der Marxisten und Leninisten hingegen rückten jedoch immer stärker in den Hintergrund. So behauptete man zwar stetig gegen den Kapitalismus und das „Schweinesystem“ zu kämpfen, visierte aber in erster Linie zivile Ziele an, die nur mit sehr viel Phantasie mit dem kommunistischen Befreiungskampf in Verbindung zu bringen waren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete Mitte der 90er Jahre auch der bewaffnete Kampf als Geldquellen zunehmend versiegten.

Eine andere Form der Stadtguerilla kann das Aufstellen von Stadtteil- oder Provinzmilizen sein wie es z.b. in den USA, der Schweiz, Italien, Spanien oder Griechenland der Fall ist. Diese Milizen gibt es sowohl vom Staat unterstützt als auch autonom gegen den Staat gerichtet. Einige übernehmen polizeiliche oder katastrophenschutztechnische Aufgaben, andere sind eher eine Art Schützenverein für gelangweilte Patrioten.

In der Geschichte gab es jedoch auch diverse revolutionäre Arten dieser Guerilla. So gab es in den 30er Jahren in vielen Arbeitervierteln solche Milizen, die sich aus Kommunisten und Anarchisten zusammensetzen. Manche davon waren Rotfrontkämpfer, andere gehörten den Schwarzen Scharen an und wieder andere machten ihr ganz eigenes Ding. Die roten Milizen der 30er Jahre hatten vor allem das Ziel Arbeiterviertel und kommunistische Betriebe vor faschistischen Überfällen zu schützen. Sie gab es derweil nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch in England, Frankreich oder Spanien. Diese Milizen waren internationalistisch und bewegungsorientiert.

 

Sonderfall II: Die Schweiz – Wenn die Armee zur Gurellia wird

In ihrer wechselhaften Geschichte wurde die Schweiz zahllose Male von außen erobert. Es erhoben Deutsche, Österreicher, Ungarn, die italienischen Stadtstaaten oder die bayrischen Königreiche immer wieder Besitzansprüche auf die kleine Alpenrepublik. Vom Mittelalter bis in die Moderne hin unterschied sich die schweizer Armee daher von vielen anderen Armeen in Europa. Es ist die einzige Armee, die offiziell den Guerillakrieg praktiziert. In den 80er Jahren ging der Generalstab von einer sowjetischen Invasion aus und entwickelte ein Konzept zwischen Heer und Miliz. So besitzt die Armee zwar auch schwere Geschütze wie Panzer und Atillerie, doch ein großer Teil des schweizer Konzepts besteht bis heute daraus, dass sich Infanterietruppen in die schwer begehbaren Bergregionen zurückziehen und einen Kleinkrieg gegen die Angreifer durchführen. Daher gibt es in der Schweiz auch staatliche Milizionäre. Das sind sozusagen zivile Soldaten, die ihre Kleinwaffen (Pistolen, Gewehre) Zuhause im Keller haben und im Fall eines Angriffs vorher zugewiesene Punkte wie Straßenkreuzungen oder Anhöhen einnehmen. Ebenso wie kleine, getarnte Gruppen, die Hinterhalte oder Sabotage verüben. Sollte das Heer fallen ist es Aufgabe der Milizen den Gegner zu zermürben und zur Aufgabe zu zwingen.

Zwar gibt es auch in Polen oder der Tscheschischen Republik Milizsysteme, doch die Schweiz richtet diese explizit für den Guerillakampf aus, während die Milizen in z.b. Polen vor allem die regulären Armeekräfte unterstützen sollen. Die Schweizer Armee ist hingegen viel stärker auf Bergkampf und verdeckte Einsätze ausgerichtet. Dabei vermischen sich die Armeekräfte in klassischer Art mit der Zivilbevölkerung.

 

 

 

Guter Soldat, Böser Soldat – Über das paradoxe Verhältnis der politischen Linken zum Militär

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Die Militanzdebatte ist eine der ältesten und wohl durchgekautesten Debatten innerhalb der linken Bewegung. Neues gibt es nur wenig zu berichten, da seit ungefähr 150 Jahren die immer gleichen Argumente auf beiden Seiten ausgetauscht werden. „Ermüdend“ ist da noch eine der diplomatischeren Bezeichnungen für den Zustand des Diskurses.

Dabei wird von Friedensbewegten wie auch Militanten oft ein wichtiger Punkt völlig außer acht gelassen: das paradoxe Verhältnis beider Seiten zum Militär. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein pazifistischer Friedensbewegter, der hierzulande gut und gerne Bundeswehr-Veranstaltungen stört, im nächsten Moment von den Internationalen Brigarden während des spanischen Bürgerkriegs schwärmt, und der Militante sich plötzlich nicht mehr sicher ist, ob er den Kampf der revolutionären Kurden in Nordsyrien gut finden soll, schließlich seien da auch „komische Leute“ dabei. Da wird dem einen Tag noch für „Waffen für Rojava“ gesammelt und am nächsten demonstriert man gegen die Bundeswehr, weil man das Töten aus moralischen Gründen ablehnt.

Irritiert? Wir auch. Fragt man nun beide was denn nun der Unterschied zwischen einer staatlichen Armee und einer Armee unter einer staatsähnlichen Administration ist wird man von beiden nur einen Satz zu hören bekommen: „Aber das kann man nun wirklich nicht vergleichen!“

Viele Linke glorifizieren die Rote Armee, die Spanienkämpfer oder eben die kurdische YPG, lehnen gleichzeitig jedoch organisirte, nationale Armeen als „imperialistisch“ ab. Der theoretische Unterbau des Ganzen geht beim Friedensbewegten wie Militanten in der Regel so: „Staatliche Armeen sind immer von wirtschaftlichen Interessen geleitet und verteidigen kein Ideal oder einen Aufstand.“

So, so. Das reine Ideal für das es zu kämpfen lohnt, zur Not mit der Waffe in der Hand. Im Grunde ist das nicht anders als in anderen Armeen auch. Westliche Streitkräfte führen seit Jahrzehnten im Nahen und Mittleren Osten Krieg unter der Flagge der Demokratie, der Freiheit und der Gleichberechtigung.

„Aber das ist doch was völlig anderes als im anarchistischen Spanien gegen Frankisten zu kämpfen!“, werden jetzt einige einwerfen.

Oberflächlich betrachtet ja. Schaut man genauer hin sind die wenigsten wegen höherer Ideale beim Militär. Die meisten wegen des Geldes, andere weil sie sich an der Waffe ausbilden lassen wollen und manche einfach nur, weil sie in der kapitalistischen Gesellschaft keinen Fuß auf die Erde bekommen, bei der Armee jedoch mit offenen Armen empfangen werden. Zu glauben das sei bei Rebellengruppen oder autonomen Militäreinheiten großartig anders ist schlicht und einfach naiv.

Die Unterteilung in den „guten, gerechten Soldaten“ und den „bösen, raffsüchtigen Soldaten“ ist Humbug. Und Krieg ist auch für Revolutionäre nicht mehr als ein Geschäft.

Die paradoxe Auffassung von Militär in der Linken fußt auf einem theoretischen, überidealisierten Oberbau, der mit der Realität nur wenig zutun hat. Der Idealismus ist lediglich ein PR-Konzept um eine bewaffnete Truppe gut zu verkaufen. An die Bevölkerung vor Ort und natürlich an die fleißigen Spender und Unterstützer im Ausland.

Daraus resultiert in großen Teilen der Linken regelrechte Unkenntnis gegenüber militärischer Vorgehensweisen. Dagegen dann treten Idealisierung, Bürgerkriegs-Romantik und natürlich das gute, alte Konzept „Mag ich nicht, muss ich mich nicht mit beschäftigen!“ auf den Plan. Der gute und der böse Soldat – allgegenwärtig.

Was in der gegensätzlichen Militanz-Debatte so fehlt sind vor allem Faktenkenntnisse. Die Debatten über Miliz und Militär sind oft so ideologiegeladen, dass ein offenes Nachdenken über sinnvolle Militanz kaum möglich ist.

Das hindert, insbesondere in Zeiten in denen überall in Europa rechte Gruppen an Macht gewinnen, die hochmilitarisiert und terroristisch aktiv auftreten. Dem hat die linke Bewegung nichts entgegen zu setzen außer der ewigen Frage, ob man militant sein darf oder nicht. An der Militanzfrage offenbart sich nur zu oft die Spaltung und Handlungsunfähigkeit der Linken, die lieber 100 Jahre alte, ideologische Kamellen aufwärmt als sich ernsthaft mit dem Thema auseinander zu setzen. Und eine ernsthafte Auseinandersetzung braucht es, wenn das Feld nicht den reaktionären, rückwertsgewandten Kräften überlassen werden soll.

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Kämpfer der zapatistischen EZLN beim militärischen Drill.