Politik & Militanz – Teil II: Von schwarzen Blöckchen und echter Community Defense

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Fragt man den 0815-Linksautonomen hierzulande, was Militanz ausmacht, dann wird er euch vermutlich seine Sammlung an Sonnenbrillen, Balaclavas und schwarzen Windbreakern zeigen. Dazu noch ein paar Bengalos und geklaute Mercedessterne – die heutzutage übrigens auch nur angemaltes Plastik sind und kaum noch als Statussymbol taugen. Mit etwas Glück wird er euch dann erzählen auf wie vielen Demos er war, wo er coole Militanz gemacht hat und wie oft er schon in Polizeigewahrsam war. Alles eine Frage der TactiCoolness. (TacticalCoolness = wenn man sich nur aus Gründen der Coolness mit Waffen und (Militär)Ausrüstung behängt. Ein klarer Fall für die Sektion Superkrass.)

Mit echter Militanz hat das in etwa so viel zutun wie ein veganer Burger mit Rinderhack.

Die ursprüngliche Idee hinter dem sogenannten Schwarzen Block (der im übrigen eine Polizeibezeichnung für die schwarz gekleideten Demonstrationsblöcke in den 80ern war), dass man bei Aktionen der Massenmilitanz, z.b. in der Anti-AKW-Bewegung, in einer gleich gekleideten Masse verschmilzt und so die Verfolgung durch die Polizei erschwert wird. Massenmilitanz bedeutete damals aber Demonsstrationsblöcke mit 10.000 Teilnehmern und Aufwärts. Mit einer Gruppe von 200 Leuten und weniger einen Schwarzen Block zu machen – wie es heutzutage oft der Fall ist – hat hingegen mehr etwas davon sich ein Fadenkreuz direkt auf die Brust zu malen.

Schafft es heute eine linke Demonstration mehr als 1000 Leute auf die Straße zu bringen gilt das schon fast als Großdemo. An Massenmilitanz ist theoretisch nicht zu denken. Das ist für so manchen TactiCoolen aber längst kein Grund nicht so zutun als ob.  Davon Abgesehen, dass die Methode Tür und Tor öffnet für von der Polizei eingeschleußte Agents Provocateurs, denn schwarz vermummen kann sich jeder – wirklich jeder! Zumal es längst zur üblichen Vorgehensweise der Polizei gehört Zivilpolizisten in Schwarze Blöcke zu schleußen, um Steine auf Polizisten zu werfen und so brutales Vorgehen zu rechtfertigen – und natürlich die Bilder von linken Demos zu produzieren, die man politisch braucht.

Der Schwarze Block ist also mittlerweile alles, nur keine angemessene Form der Militanz mehr. Da hilft es auch nichts auf eventuelle Riot-Romantik zu verweißen. Diese Form der Militanz hat sich längst selbst überlebt.

 

Wege zur Community Defense

Redet man in Deutschland über Militanz oder gar über die Gründung von Community Defense Gruppen, dann kämpft man gleich an zwei Fronten. Einmal gegen die Pazifisten, die weniger Pazifismus als Passivität von einem hohen moralischen Ross herunter predigen. Die übliche Argumentation ist, dass Gewalt böse ist weil sie böse ist. Oft garniert mit einem „Wenn die Nazis uns töten wollen dürfen wir das nicht, weil wir wollen ja besser sein als die.“ In der Praxis nützt das nur wenig wenn schwer bewaffnete und vor allem gewalterfahrene Faschogruppen mit 50 Mann vor dem Haus stehen und die Linken im Inneren wie verschreckte Hühner nicht wissen, was sie tun sollen außer den Notruf zu wählen, der ihnen dann jene Polizisten anbringt, die sich mit den Faschisten die Hände schütteln und erstmal die Personalien der angegriffenen Linken aufnehmen, insofern sie sie nicht gleich festnehmen. Die Antwort auf Gewalt und Terror kann nicht sein, dass man wenn man schon am Boden liegt noch bereitwillig die andere Wange hinhält. Das hat weniger mit Pazifismus als mit religiöser Selbstgeiselung zutun.

Die andere Front ist die „militante Szene“ selbst, die in der Regel aus den oben beschrieben 0815-Autonomen besteht, die dann vor allem nach außen hin mackerhaft auftreten, aber von echter Militanz kaum eine Ahnung haben. Nicht nur, dass Militanz viele, verschiedene Formen haben kann und nicht zwangsläufig mit dem Gewehr in der Hand ausgefochten wird, sondern auch, dass diejenigen die sich am krassesten geben mitunter die ersten sind, die weglaufen, wenn es hart auf hart kommt. In diesen Gruppen geht es oft vor allem und Schein statt Sein, um zelebrierte Partisanen-Romantik und Traditionen. Das typische Argument: „Aber in den 80ern war das cool!“

Denjenigen von uns, die einen Kalender neben sich liegen haben, dürfte bereits aufgefallen sein, dass das auch schon wieder fast 40 Jahre her ist. Es nützt ja nichts wie ein verkrusteter Konservativer ständig auf Traditionen zu pochen, die schon längst nicht mehr zeitgemäß sind.

Und selbst diesen Leuten ist dann unwohl über Community Defense zu sprechen. Die lose Militanz des Schwarzen Blocks ist unverbindlich und nach ein paar Stunden in der Regel auch wieder vorbei. Echte Community Defense würde aber bedeuten Geld, Zeit und Ressoucen in feste Strukturen stecken zu müssen, die länger als ein Festivalwochenende halten müssen. Der Einwand, dass das mit der jetzigen Linken nicht zu machen ist ist nachvollziehbar, aber nicht praktikabel. Die Linke in Deutschland, aber auch im Rest Europas, braucht völlig neue, praktische Strukturen. Es hilft eben nichts ständig über den Zustand der Linken zu jammern und dann wenn es um Strukturen geht alles abzulehnen. Ideell befinden sich viele in ihrem Erdloch und hoffen noch, dass Kelch des Facshismus schon an ihnen vorbeigehen wird. Zusätzlich zu dieser linken Angststarre kommen dann oft Bedenken, ob es legal ist. Eines der besten Argumente, weil man als Linker, Antifaschist, Kommunist oder Anarchist ja vor allem Angst vor Gesetzen haben sollte, die sich gegen Humanismus und die Arbeiterklasse als solches richten. Ein wirklich brilliantes Argument, was leider nur allzu oft geträllert wird. Und gerade aus den Mündern der angeblichen Autonomen immer wieder sehr erheiternd.

Um das nochmal klar zu stellen: Bei Community Defense geht es ja nicht darum sich mit dem Staat gut zu stellen. Alles, was Militant ist, ist auch illegal. Das liegt schon einmal im Wesen der Sache. Und das nicht nur nach deutscher Rechtslage. Wenn die „Rechte“ des Staates aber bedeuten, dass Terror völlig legitim ist und es völlig normal ist, dass Nazigruppen Migranten und Linke durch Innenstädte jagen und die Polizei nur ein Helfer derjenigen ist, die sowieso schon Terror ausüben, dann erübrigt sich die ständige  Frage nach der Legalität völlig.

Statt also immer neue Gründe zu finden warum Community Defense gerade nicht geht sollte man Gruppen bilden und vor allem ausbilden. Was den meisten militanten Aktionen nämlich fehlt ist das Wissen wie man eigene Militanz ausübt. Zurückgegriffen wird im schlimmsten Fall auf irgendwelche Leitfäden aus den 80ern mit teilweise abenteuerlichen Schilderungen über den Bau von Sprengstoffen und Aktionsmöglichkeiten. Auch das kann nicht Basis einer Community Defense sein. Denn es fehlt meist nicht an Waffen, sondern an der der Ausbildung damit. Es fehlt ebenso an Basiswissen zu Funk, Kommunikation und schlicht und einfach Wehrfähigkeit. Zumindest wenn man nicht wie ein Trottel auf alles sinnlos eindreschen will. Um effektiv zu sein benötigt es Geld, Ausbildung, Ressourcen und vor allem Leute, die nicht nur in den Semesterferien mal kurz aktiv sind und ihren Aktivismus als Hobby ausführen, dass man alle paar Wochen wechseln kann.

In Deutschland gibt es für derartige, milizähnliche Organisationen auf linker Seite keinerlei Strukturen. Auf rechter Seite sind diese schon längst etabliert, weshalb die meisten Linken bei Angriffen von Faschomilizen kaum etwas entgegen zu setzen haben.

Sollte der Fall der Fälle eintreten und es „hart auf hart“ kommen hätte die Linke als Bewegung einer rechten Machtübernahme oder schlichten Straßenterror nichts außer netter, politisch korrekter Wortspielereien zu entgegnen. Eine Bewegung muss sich, ihre Prinzipien und nicht zuletzt ihre Mitglieder verteidigen können. Ideell, Argumentativ und im schlimmsten Fall militant in der direkten Konfrontation.

Die Community Defense will diese Verteidigungsfähigkeit ausbauen, sie gezielt nutzen und im Extremfall auf der Straße wirken. Und ja, im Fall der Fälle hieße das auch das eigene Leben einzusetzen um eigene Strukturen oder schlicht Menschen zu schützen – und das dauerhaft und nicht als Hooligantruppe, die sich mal an einem Wochenende prügelt und am Tag darauf ins Studium oder auf Arbeit zurückkehrt als sei nichts gewesen. Es geht eben nicht, um „Erlebnisse“ und „Spaß an Gewalt“, sondern um Security-Konzepte wie man eigene Organisationen schützt, Angriffe abwehrt und auch evtl. selbst durchführt.

Das klingt alles recht militärisch und dürfte schon allein deshalb den meisten LeserInnen dieses Blogs aufstoßen, dennoch ist es nötig sich zu schulen. Man kann nicht warten bis die Katastrophe eingetreten ist und erst dann anfangen etwas aufzubauen. Und die Siege der „Rechtspopulisten“ – um nicht zu sagen Faschisten – in ganz Europa zeigen, dass es mehr als 5 vor 12 ist, um derartige Strukturen aufzubauen.

Das alles verlangt aber von der Linken als solches, dass sie aufhört alles nach „Spaßfaktor“ zu bewerten und sich, auch wenn es weh tut, um Strukturen zu kümmern, die auf den ersten Blick nicht nur „Arbeit“, sondern auch noch noch unangenehm sind. Die Linke ist jedoch schon lange keine Bewegung im eigentlichen Sinne mehr, sondern besteht eher aus Hobbyaktivisten und Spaßpolitikern, die mal 5 Jahre politisch sind und nach dem Studium oder der Ausbildung lieber dem kapitalistischen Leistungsprinzip entsprechen, um ihren Kindern dann sagen zu können: „Schau, so krass war der Papa (die Mama) mal drauf, in seinen (ihren) wilden Jahren!“

Verlässlichkeit ist nach wie vor das größte Problem der Linken. Und gerade Community Defense muss eben diese Verlässlichkeit bieten, ansonsten ist sie nicht mehr als ein LARP-Verein, der auf Revolutionär macht.

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Politik & Militanz – Teil I: Was ist eigentlich eine Miliz?

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In der Gai Dao Ausgabe vom März 2018 wurde uns nach unserem Interview im Februar vorgeworfen wir wöllten schlichtes Hooligan-Remmidemmi und zurück in die 30er Jahre und die Weimarer Republik.

Die folgende Beitragsserie soll dazu dienen zu erklären, was es heißt militanz zu organisieren. Und die muss, wenn sie erfolgreich sein will, mehr sein als eine Kreuzberger Straßenschlacht

1. Ursprünge von Krieg und organisierter Gewalt

Um zu verstehen wie Milizen und Militanz funktionieren müssen wir zurück, ans Ende der Steinzeit vor ca. 10.000 Jahren gehen, als die Menschen sich langsam von nomandischen Sippen zu sesshaften Stämmen entwickelten. Es ist mittlerweile archäologisch bewiesen wie der Krieg entstand: durch die Sesshaftigkeit und die damit verbundenen Besitzansprüche und endlichen Ressoucen. Waren während der Nomadenzeit die Rohstoffe knapp oder ganz aufgebraucht zog man weiter ins nächste Gebiet. Das nomadische Leben war jedoch hart. Jeden Tag musste gejagt werden und es war nicht immer sicher, dass man im nächsten Gebiet genug auch genug Ressourcen für die Sippe fand. Dadurch dass es jedoch keinen Landbesitz gab beschränkten sich die meisten Konflikte auf kleinere Stammesstreitigkeiten. Die konnten zwar auch Blutvergießen nach sich ziehen wuchsen jedoch nicht in einen Krieg aus.

Die Definition von Krieg:

Krieg ist der Konflikt zwischen organisierten Armeen. Er ist kein kleiner Streitfall, sondern organisierte Gewalt gegen einen oder mehrere Gegner.

Krieg gab es also erst mit dem aufstellen einen organisiertes Heeres, das keine andere Aufgabe hatte als kriegerisch zu agieren. Das Hauptmerkmal des Krieges ist die organisierte Gewalt durch ebenso organisierte Armeen. Zwar gab es auch vorher auch schon Streitigkeiten, die im Mord enden konnten, doch war Krieg eine deutlich höhere Stufe der Eskalation, die direkt mit den Gebietsansprüchen eines Stammes zutun hatte. Wer sesshaft war musste seine Ressourcen verteidigen. Dazu gehörten Wasserquellen, landwirtschaftliche Flächen und Infrastruktur.Bis heute haben sich die Motivationen hinter Krieg kaum geändert. Fast immer geht es um die Kontrolle von Ressourcen und Land. Mit der Sesshaftigkeit und dem Besitz kam auch der Machtanspruch. Dabei ist es egal, ob es sich dabei um Nationalstaaten handelt oder ethnische, politische und religiöse Gruppen. Krieg bleibt bekanntlich immer gleich.

 

2. Unterschied zwischen Armee und Miliz

Bereits früh begannen die Menschen mit der Aufstellung professioneller Armeen. Diese wurden in der Regel durch die Besteuerung der Zivilbevölkerung finanziert. Von der Antike bis in die Moderne blieben die Organisationsprinzipien relativ ähnlich.

Gleichzeitig zu den professionellen Heeren entstanden auch immer wieder Milizen und Gurellias. Der Unterschied besteht im wesentlichen darin, dass Milizen nicht aus Berufssoldaten bestehen, sondern aus Zivilisten, die sich bewaffnet haben. Oft geschieht das durch z.b. einen Aufstand oder Überfall auf die Armee. So werden in der Frühphase Waffen und Ausrüstung an sich gebracht.

Anders als die Armee ist die Miliz auf den Rückhalt in der Bevölkerung angewiesen, die sie mit Nahrung, Informationen und Unterschlüpfen versorgt. Daher ist es für Armeen, die gegen Milizen kämpfen oft schwierig den Unterschied zwischen Zivilbevölkerung und Aufständischen zu ziehen. Beides wird sowohl von den Milizen als auch den Armeen bewusst vermischt. Für die Milizen  um unterzutauchen und für die Armeen, um Terror auf die unterstützende Bevölkerung auszuüben.

 

3. Stufen von Milizen

Die meisten Milizen versuchen einen Großkrieg zu vermeiden und spezialisieren sich daher auf den Kleinkrieg. Dieser wird mit leichten Waffen und wenigen Leuten ausgeführt. Der Kampf im Hinterland ist fast so alt wie der Krieg selbst. Von den Germanen, die in den tiefen Wäldern den Römern auflauerten bis zu den Guerillas der Moderne, wie dem Vietcong, blieb die Taktik immer gleich.

Als kleine Gruppe ist es nicht möglich ein großes Heer direkt zu schlagen. Daher verlegt man sich auf den Zermürbungskampf. Der legt vor allem Hinterhalte, begeht Attentate oder Sabotageakte. Meist ausgehend von einem unwegsamen Hinterland in das mit großen Truppenverbänden nur schwer vorzudringen ist.

Die nächste Stufe beginnt, wenn der Gegner durch den Kleinkrieg bereits geschwächt ist und man die vielen kleinen Gruppen beginnt zu einer Armee zusammenzuführen, um den Gegner auf breiter Front anzugreifen. So wie z.b. der Vietcong gegen Ende des Vietnamkrieges zu Teilen in die Nordvietnamesischen Streitkräfte überging. In dieser Phase können die Übergänge zwischen Armee und Miliz fließend sein und sich auch je nach politischer Lage stark unterscheiden.

Ohne die Unterstützung der Bevölkerung ist jedoch solch ein Miliz-Krieg nicht möglich. Was passiert, wenn die Bevölkerung einen nicht unterstützt musste Che Guevara feststellen als er die bolivianischen Bauern zum revolutionären Kampf anstacheln wollte. Diese standen jedoch eher auf der Seite der Regierung als auf der der Kommunisten. Die ganze Unternehmung endete damit, dass die Gruppe um Guevara brutal aufgerieben wurde und er schließlich vom CIA hingerichtet wurde.

 

4. Sonderform I: Stadtgurellia

Die Stadtguerillas hat ihre Ursprünge in den südamerikanischen Befreiungskämpfen. Anders als üblich agieren die Milizen hier direkt im Stadtgebiet und ziehen sich statt in unwegsames Hinterland in sichere Viertel oder Häuser zurück. Zu den Kampfformen der Stadtguerillia gehören Besetzungen von Sendern oder Zeitungen, Geiselnahmen, Attentate und Sabotage. Wichtig ist dabei vor allem die Medienwirksamkeit und die Fähigkeit die Presse für sich und seine Forderungen zu gewinnen, um Rückhalt in der Bevölkerung zu generieren.

Doch auch eine Stadtguerilla kann ohne Rückhalt in der Bevölkerung nicht operieren. Wie das aussieht, wenn dies nicht der Fall ist zeigt die Rote Armee Fraktion, die zu großen Teilen aus Studenten der 68er Bewegung bestand. Geld, Ausbildung und Waffen bekam sie überwiegend aus dem Ausland: aus der DDR, der Sowjetunion oder dem Nahen Osten. In ihrem Operationsgebiet, der BRD, besaß sie jedoch wenig Rückhalt, auch weil ihre Operationen immer gewalttätiger wurden und sich zunehmend gegen die Zivilbevölkerung richteten. Die ideologischen Ziele der Marxisten und Leninisten hingegen rückten jedoch immer stärker in den Hintergrund. So behauptete man zwar stetig gegen den Kapitalismus und das „Schweinesystem“ zu kämpfen, visierte aber in erster Linie zivile Ziele an, die nur mit sehr viel Phantasie mit dem kommunistischen Befreiungskampf in Verbindung zu bringen waren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete Mitte der 90er Jahre auch der bewaffnete Kampf als Geldquellen zunehmend versiegten.

Eine andere Form der Stadtguerilla kann das Aufstellen von Stadtteil- oder Provinzmilizen sein wie es z.b. in den USA, der Schweiz, Italien, Spanien oder Griechenland der Fall ist. Diese Milizen gibt es sowohl vom Staat unterstützt als auch autonom gegen den Staat gerichtet. Einige übernehmen polizeiliche oder katastrophenschutztechnische Aufgaben, andere sind eher eine Art Schützenverein für gelangweilte Patrioten.

In der Geschichte gab es jedoch auch diverse revolutionäre Arten dieser Guerilla. So gab es in den 30er Jahren in vielen Arbeitervierteln solche Milizen, die sich aus Kommunisten und Anarchisten zusammensetzen. Manche davon waren Rotfrontkämpfer, andere gehörten den Schwarzen Scharen an und wieder andere machten ihr ganz eigenes Ding. Die roten Milizen der 30er Jahre hatten vor allem das Ziel Arbeiterviertel und kommunistische Betriebe vor faschistischen Überfällen zu schützen. Sie gab es derweil nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch in England, Frankreich oder Spanien. Diese Milizen waren internationalistisch und bewegungsorientiert.

 

Sonderfall II: Die Schweiz – Wenn die Armee zur Gurellia wird

In ihrer wechselhaften Geschichte wurde die Schweiz zahllose Male von außen erobert. Es erhoben Deutsche, Österreicher, Ungarn, die italienischen Stadtstaaten oder die bayrischen Königreiche immer wieder Besitzansprüche auf die kleine Alpenrepublik. Vom Mittelalter bis in die Moderne hin unterschied sich die schweizer Armee daher von vielen anderen Armeen in Europa. Es ist die einzige Armee, die offiziell den Guerillakrieg praktiziert. In den 80er Jahren ging der Generalstab von einer sowjetischen Invasion aus und entwickelte ein Konzept zwischen Heer und Miliz. So besitzt die Armee zwar auch schwere Geschütze wie Panzer und Atillerie, doch ein großer Teil des schweizer Konzepts besteht bis heute daraus, dass sich Infanterietruppen in die schwer begehbaren Bergregionen zurückziehen und einen Kleinkrieg gegen die Angreifer durchführen. Daher gibt es in der Schweiz auch staatliche Milizionäre. Das sind sozusagen zivile Soldaten, die ihre Kleinwaffen (Pistolen, Gewehre) Zuhause im Keller haben und im Fall eines Angriffs vorher zugewiesene Punkte wie Straßenkreuzungen oder Anhöhen einnehmen. Ebenso wie kleine, getarnte Gruppen, die Hinterhalte oder Sabotage verüben. Sollte das Heer fallen ist es Aufgabe der Milizen den Gegner zu zermürben und zur Aufgabe zu zwingen.

Zwar gibt es auch in Polen oder der Tscheschischen Republik Milizsysteme, doch die Schweiz richtet diese explizit für den Guerillakampf aus, während die Milizen in z.b. Polen vor allem die regulären Armeekräfte unterstützen sollen. Die Schweizer Armee ist hingegen viel stärker auf Bergkampf und verdeckte Einsätze ausgerichtet. Dabei vermischen sich die Armeekräfte in klassischer Art mit der Zivilbevölkerung.

 

 

 

Guter Soldat, Böser Soldat – Über das paradoxe Verhältnis der politischen Linken zum Militär

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Die Militanzdebatte ist eine der ältesten und wohl durchgekautesten Debatten innerhalb der linken Bewegung. Neues gibt es nur wenig zu berichten, da seit ungefähr 150 Jahren die immer gleichen Argumente auf beiden Seiten ausgetauscht werden. „Ermüdend“ ist da noch eine der diplomatischeren Bezeichnungen für den Zustand des Diskurses.

Dabei wird von Friedensbewegten wie auch Militanten oft ein wichtiger Punkt völlig außer acht gelassen: das paradoxe Verhältnis beider Seiten zum Militär. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein pazifistischer Friedensbewegter, der hierzulande gut und gerne Bundeswehr-Veranstaltungen stört, im nächsten Moment von den Internationalen Brigarden während des spanischen Bürgerkriegs schwärmt, und der Militante sich plötzlich nicht mehr sicher ist, ob er den Kampf der revolutionären Kurden in Nordsyrien gut finden soll, schließlich seien da auch „komische Leute“ dabei. Da wird dem einen Tag noch für „Waffen für Rojava“ gesammelt und am nächsten demonstriert man gegen die Bundeswehr, weil man das Töten aus moralischen Gründen ablehnt.

Irritiert? Wir auch. Fragt man nun beide was denn nun der Unterschied zwischen einer staatlichen Armee und einer Armee unter einer staatsähnlichen Administration ist wird man von beiden nur einen Satz zu hören bekommen: „Aber das kann man nun wirklich nicht vergleichen!“

Viele Linke glorifizieren die Rote Armee, die Spanienkämpfer oder eben die kurdische YPG, lehnen gleichzeitig jedoch organisirte, nationale Armeen als „imperialistisch“ ab. Der theoretische Unterbau des Ganzen geht beim Friedensbewegten wie Militanten in der Regel so: „Staatliche Armeen sind immer von wirtschaftlichen Interessen geleitet und verteidigen kein Ideal oder einen Aufstand.“

So, so. Das reine Ideal für das es zu kämpfen lohnt, zur Not mit der Waffe in der Hand. Im Grunde ist das nicht anders als in anderen Armeen auch. Westliche Streitkräfte führen seit Jahrzehnten im Nahen und Mittleren Osten Krieg unter der Flagge der Demokratie, der Freiheit und der Gleichberechtigung.

„Aber das ist doch was völlig anderes als im anarchistischen Spanien gegen Frankisten zu kämpfen!“, werden jetzt einige einwerfen.

Oberflächlich betrachtet ja. Schaut man genauer hin sind die wenigsten wegen höherer Ideale beim Militär. Die meisten wegen des Geldes, andere weil sie sich an der Waffe ausbilden lassen wollen und manche einfach nur, weil sie in der kapitalistischen Gesellschaft keinen Fuß auf die Erde bekommen, bei der Armee jedoch mit offenen Armen empfangen werden. Zu glauben das sei bei Rebellengruppen oder autonomen Militäreinheiten großartig anders ist schlicht und einfach naiv.

Die Unterteilung in den „guten, gerechten Soldaten“ und den „bösen, raffsüchtigen Soldaten“ ist Humbug. Und Krieg ist auch für Revolutionäre nicht mehr als ein Geschäft.

Die paradoxe Auffassung von Militär in der Linken fußt auf einem theoretischen, überidealisierten Oberbau, der mit der Realität nur wenig zutun hat. Der Idealismus ist lediglich ein PR-Konzept um eine bewaffnete Truppe gut zu verkaufen. An die Bevölkerung vor Ort und natürlich an die fleißigen Spender und Unterstützer im Ausland.

Daraus resultiert in großen Teilen der Linken regelrechte Unkenntnis gegenüber militärischer Vorgehensweisen. Dagegen dann treten Idealisierung, Bürgerkriegs-Romantik und natürlich das gute, alte Konzept „Mag ich nicht, muss ich mich nicht mit beschäftigen!“ auf den Plan. Der gute und der böse Soldat – allgegenwärtig.

Was in der gegensätzlichen Militanz-Debatte so fehlt sind vor allem Faktenkenntnisse. Die Debatten über Miliz und Militär sind oft so ideologiegeladen, dass ein offenes Nachdenken über sinnvolle Militanz kaum möglich ist.

Das hindert, insbesondere in Zeiten in denen überall in Europa rechte Gruppen an Macht gewinnen, die hochmilitarisiert und terroristisch aktiv auftreten. Dem hat die linke Bewegung nichts entgegen zu setzen außer der ewigen Frage, ob man militant sein darf oder nicht. An der Militanzfrage offenbart sich nur zu oft die Spaltung und Handlungsunfähigkeit der Linken, die lieber 100 Jahre alte, ideologische Kamellen aufwärmt als sich ernsthaft mit dem Thema auseinander zu setzen. Und eine ernsthafte Auseinandersetzung braucht es, wenn das Feld nicht den reaktionären, rückwertsgewandten Kräften überlassen werden soll.

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Kämpfer der zapatistischen EZLN beim militärischen Drill.

SUN TZU und die Philosophie des Kampfes

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Kurz vor Ende des Jahres hat unsere Hauptautorin noch einen etwas kontroversen Text parat.

Doch was hat ein 3500 Jahre alter Kriegermönch mit heutigen Entwicklungen zutun? Und wie kann er uns helfen?

Sun Tzu’s Hauptwerk „Die Kunst des Krieges“ bewegt bis heute viele Menschen. Das liegt weniger darin, dass der alte Chinese ein Militärgenie war, sondern dass seine philosophischen Lehren universal anwendbar sind. Sun Tzu war nicht nur General und Gelehrter, sondern auch Philosoph und geschickter Diplomat. Viele seiner „Kriegsweisheiten“ basieren darauf, dass man einen Krieg beenden kann bevor er anfängt bzw. ein gewalttätiger Kampf nicht das oberste Ziel strategischen Agierens sei. Sun Tzu lässt sich sowohl zivil als auch militärisch auslegen und für große Gruppen oder auch das individuelle Leben anwenden.

Dazu muss man wissen, in Asien ist Kampf und Krieg nicht nur das bloße Hauen und Stechen. Es ist ein gesamtphilosophisches Konzept nachdem jedes Individuum mindestens im Streit mit sich selbst liegt. Viele asiatische Glaubensrichtungen und Philosophien haben daher Ausgleich und das finden der inneren Mitte zum Thema. Erst wenn das eigene selbst ins Ungleichgewicht gerät muss man in den Kampf ziehen. Dieser kann dann mental oder mit Waffen ausgefochten werden. So fokusieren sich z.b. auch viele südasiatische Kampfkünste auf das Gleichgewicht des Kämpfers. Wer nicht mit sich selbst im Reinen ist wird eine bevorstehende Herausforderung oder gar einen Krieg nicht bewältigen können.

Sun Tzu prägte vor allem die Weisheit, dass die beste Schlacht die ist, die man gar nicht erst ausfechten muss. Aus Sicht des Generals wie Diplomaten ein nachvollziehbarer Gedanke. Eine gut geölte Militärmachinerie nützt nichts, wenn man diplomatisch unfähig ist. Das mussten schon so manche frühere und heutige „Weltreiche“ unschön feststellen. Schon der alte Chinese wusste, dass man mit einer Armee keine Konflikte lösen kann und militärisches Eingreifen im ungünstigsten Falle die Lage sogar noch verschärft.

Natürlich kann man als Weltmacht – egal welche – sich ständig aufführen wie der Elefant im Porzellanladen, nur auf lange Sicht wird man damit nichts erreichen. Viele Konzepte des Kampfes und der Selbstverteidigung basieren daher nicht umsonst auf der Maxime, dass bevor es zu Gewalttätigkeiten kommt man versucht die Situation angemessen zu entschärfen. Das gilt für übergriffige Trunkenbolde ebenso wie für kriegerische Konflikte.

Bei all der chinesischen Weisheit, aber was hat das denn jetzt alles mit uns zutun?

Als ich noch in der Friedensbewegung unterwegs war fiel mir zuerst auf wie wenig die Friedensbewegten offenbar über militärische Vorgehensweisen oder auch nur diplomatische hatten. Man fand sich in einem linken Grüppchen wieder, dass sich zur Not mit alles und jedem solidarisierte, Hauptsache man fand das Militär doof und es wurde abgerüstet. Egal wie. Da fand man bei Gelegenheit auch Islamisten und Faschos gut, wenn die versprachen „Frieden“ zu bringen. Das irritierte mich über die Jahre so sehr, dass ich mich schließlich von den Friedensbewegten verabschiedete. Spätestens als die sich zu Beginn der Ukraine-Krise unternanter nicht entscheiden konnten, wen man denn jetzt unterstützen wollte und die ohnehin kleine Friedensbewegung sich noch mehr zersplitterte und am Ende musste man sich zwischen Putinfans, Reichsbürgern und Antideutschen herumschubsen lassen. Bei allen gleichermaßen verpönt war jedoch das Lesen von militär-theoretischer Literatur: Sei es nun Sun Tzu, Clausewitz oder Hans von Dach. So als würde die bloße Beschäftigung mit dem Thema einen irgendwie verbrennen.

Dabei geht es bei allen drei Genannten nicht ums reine militärische Töten und Erobern, sondern um Strategien, die sich je nach Lage auch auf ziviles Zusammenleben ummünzen lassen. Es geht um Philosophie, Psychologie und nicht zuletzt um ganz praktische Organisationsfragen. Ich erwische mich so manches Mal wie ich denke „Lest mehr Sun Tzu und weniger Adorno!“ Auch weil der alte Chinese ziemlich praktisch veranlagt war.

Sicher, in einer perfekten Welt gäbe es den totalen Weltfrieden. Wir leben aber nicht in einer perfekten Welt und der Mensch ist Äonen davon entfernt ein perfektes Wesen zu sein. Die Menschen haben viel zu viele, unterschiedliche Interessen, um jeden Konflikt mit Blumen und Zuckerwatte lösen zu können. Und dann gibt es natürlich noch die Menschen, die Kapitalismus und Faschismus einfach „geil“ finden und für die Frieden – im Inneren wie Äußeren – einfach nicht erstrebenswert scheint. Ein Problem mit dem die Menschheit schon seit Tausenden von Jahren kämpft.

Für kämpferische oder revolutionäre Bewegungen kann es unter Umständen geschickter sein sich mehr an praktischer Lebensorganisation toter, chinesischer Mönche zu orientieren als an alten Professoren mit ihren abgehobenen Texten für eine kleine Elite von Jüngern. Auch weil sich ein nicht unwesentlicher Teil des Werks Sun Tzu’s darum dreht, dass, wenn ich die gewalttätige Konfliktlösung wählen muss, diplomatisch gescheitert bin. Bei Sun Tzu kommt immer erst der Diplomat und dann das Schwert, denn wenn ich mein Gegenüber gewaltsam niederdrücken muss (ob nun verbal oder militärisch), ist die Situation bereits außer Kontrolle und gescheitert. Im Grunde eine ganz simple Weisheit, die in der konfrontativen, teils extrem aggressiv agierenden, deutschen Linken kaum Gehör findet. Auch ein Grund warum hierzulande kaum gemeinsame Lösungen gefunden werden ist eben dieser extrem konfrontierende Tonfall. Interessanter Weise gibt der Konflikt hierzulande selbst den Ton an, wenn man angeblich Konsens und verbalen Frieden haben möchte. Ohne aggressives Vorrücken scheint es nicht zu gehen. Bei unseren südlichen Nachbarn in Spanien z.b. sieht das ganz anders aus. Oder der demokratische Kulturschock deutscher Linker in Kurdistan. (siehe Neues Deutrschland –> https://www.neues-deutschland.de/artikel/1074327.freiwillige-in-nordsyrien-eine-miliz-in-rojava-ist-kein-linker-lesekreis.html ) Dass man Konflikte lösen kann ohne sein Gegenüber nieder zu machen und regelrecht zu vernichten, das müssen wir hierzulande erst wieder lernen wie Kleinkinder das Erlangen von Sprache. Das dabei ausgerechnet ein Kriegermönch helfen könnte ist eines der vielen Paradoxen menschlichen Seins.

WOMANS PRIDE

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Beobachtet man feministische Dikurse innerhalb der deutschen Linken, dann scheint es oft so als hätten wir Frauen bereits das himmliche Paradies erreicht. Wir dürfen wählen gehen, Auto fahren, verreisen ohne die Zustimmung irgendeines zuständigen Mannes, haben eine Frauenquote, gendern in femininer Form gehört in einem linksliberalen Spektrum zum guten Ton und wenn wir jetzt noch gleich bezahlt würden, dann wäre das Paradies komplett.

Die Realität für uns Frauen sieht aber oft viel härter aus. Wo ein Mann kaum arbeiten muss, da müssen wir Frauen uns zehnmal mehr anstrengen. Wir müssen immer beweisen, dass wir besser, härter und schneller sind, sonst werden wir nicht einmal minimal wahrgenommen. Dabei sollen wir noch Karriere machen, 5 Kinder großziehen und immer gut aussehen, am besten mit Modelfigur.

Der heutige (westliche) Sexismus ist schleichender als noch vor 30 Jahren. Der heutige Sexismus macht uns weiß, dass wir dazugehören nur ums uns gleich wieder klar zu machen warum wir immer hinterher hinken werden.

Kaum verwunderlich also, dass die meisten Frauenbewegungen vom männlichen Part nur ernst genommen wurden, wenn wir Frauen ernst gemacht haben. Wenn wir bewaffnet oder zumindest militant auflaufen, ganz ohne Kompromisse.

Stieg Larsson (der Autor der „Millenium“-Trilogie und linker Journalist) war in den 70er Jahren in Eritrea bei den kämpfenden Frauenmilizen der sozialistischen Revolutionäre und war fasziniert von deren Stolz, wenn sie ihre Uniform und Waffe führten. Etwas ähnliches kann man sehen, wenn man sich die Frauenbatallione der kurdischen YPG ansieht. Die Frauen dort sind oft das erste Mal im Leben in einer Situation in der sie selbst über ihr Leben entscheiden. Etwas, dass viele kämpfende Frauenbewegungen gemein haben ist der „weibliche Stolz“ und die wesentlich tiefer gehende Härte der militanten Frauen. Der wesentliche Unterschied zwischen kämpfenden Männern und Frauen ist, dass die Frauen genau wissen, was passiert, wenn die versagen. Gefangenschaft ist gleichbedeutend mit Folter und Vergewaltigung. Die Frauen der YPG sprengen sich lieber mit einer Granate in die Luft als dem IS in die Hände zu fallen. Und die Frauenbatallione der UdSSR waren im 2. Weltkrieg berüchtigt für ihre Brutalität gegenüber der Wehrmacht.

Beschäftigt man sich mit militärischen und militanten Frauengruppen, dann fällt gerade diese Unerbittlichkeit und Unnachgiebigkeit immer wieder ins Auge. Ebenso wie die Tatsache, dass wir Frauen erst wahrgenommen zu werden scheinen, wenn wir mit der Waffe im Anschlag unsere Rechte einfordern.

 

Die Gulabi Gang

The Pink Gang

Die in pinke Saris gekleideten Frauen traten erstmals 2006 in Indien auf. Dabei ist festzuhalten, dass pink in Indien keine geschlechtsspezifische Farbe ist und ausgewählt wurde, weil pinke Saris in Indien weit verbreitet sind (und somit bei den meisten Frauen im Kleiderschrank verfügbar) und die Farbe pink noch von keiner politischen Fraktion in Indien vereinnahmt wurde.

Die Frauen wurden bekannt durch ihre Besetzungen von Polizeirevieren, um festgesetzte Frauen freizupressen oder wenn sie als Gruppe gegen gewalttätige Polizisten und Männer vorging, bewaffnet mit Stöcken.

Indien ist nicht gerade bekannt für seine frauenfreundliche Gesellschaft, daher ist es nicht verwunderlich, dass die militanten Auseinandersetzungen schon bald politisch Wirkung zeigten in einem Land in dem das Leben einer Frau nichts wert ist. Erst durch das bewaffnete und militante Auftreten wurde weltweit über die Frauen und die Gewalt gegen sie berichtet.

 

Die zapatistischen Frauen

EZLN Woman

Beim Aufstand der Zapatisten ab 1994 in Chipas, Mexico, gab es eine Aufteilung zwischen den im Dschungel kämpfenden Männern und den Frauen der EZLN, die in erster Linie passiven Widerstand ausübten indem sie Militärstützpunkte und Regierungsgebäude besetzten. Hin und wieder gab es auch mit der Waffe kämpfende Zapatistinnen, doch der Großteil der zapatistischen Frauenbewegung kämpfte waffenlos gegen das mexikanische Militär. Getreu dem zapatistichen Motto „Our Words Are Our Weapons.“

Das Besondere am zapatistischen Aufstand war und ist, dass jede der indigenen Communitys (zum Großteil bestehend aus Maya) ihren Widerstand zwar selbst organisierte und je nach Region eigene Schwerpunkte setzte, aber was das übergeordnete Ziel anging einheitlich agierte. So auch die Frauen, die neben passiven Widerstand Frauenkomitees bildeten und u.a. ein Alkohol- und Drogenverbot in den zapatistischen Regionen durchsetzten, um das Problem mit ihren betrunkenen und gewalttätigen Männern in den Griff zu kriegen.

 

Frauenbatallione der Kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG)

kurdishfighter

Die Kämpferinnen der PKK-nahen YPG erlangten u.a. durch ihren Kampf gegen den IS in Syrien rund um die Autonomieregion Rojava Berühmtheit. Zudem waren sie die treibende Kraft bei der Befreiung der IS-Hochburg Rakka. 

Die Frauenbatallione rekrutieren sich zu großen Teilen aus vorm den IS geflohenen oder versklavten Frauen denen die Flucht gelang. Die Einheiten bestehen allerdings nicht nur aus Kurdinnen, sondern auch aus Jezidinnen und Kämpfern und Kämpferinnen aus Europa und bilden damit eine Art moderne Variation der Internationalen Brigarden.

Viele Frauen schließen sich den Kurden an, weil sie endlich frei sein wollen – und auf Rache hoffen. Viele der Mädchen und Frauen der YPG sind das erste Mal eigenständig und wollen diese Errungenschaft „bis zum Tode verteidigen“.

 

Frauen in den anarchistischen Brigarden während des spanischen Bürgerkriegs

FRauen Internationale brigarden

Während des spanischen Bürgerkrieges kämpften Frauen in den internationalen Brigarden und in der anarchistischen Kampforganisation F.A.I., die der anarchosyndikalistischen CNT zugehörig war. Besonders an dem Kampfeinheiten der CNT war, dass es keine Ränge und kein Salutieren gab. Frauen kämpften gleichberechtigt neben Männern. Etwas bis dahin einmaliges in der katholischen Machokultur Spaniens und ein Widerstreben gegenüber den Frankisten, die wie alle Faschisten, die Frauen nur als Gebärmaschine betrachteten, die sich allen Regeln zu beugen habe.

Kämpfende Frauen gab es sowohl in den anarchistischen wie kommunistischen Verbänden der Internationalen Brigarden. Neben Einheimischen kamen auch Frauen aus ganz Europa, um gegen die Faschisten und auch gegen die Unterdrückung der Frau zu kämpfen. Das Besondere am „kurzen Sommer der Anarchie“ war, dass hier Menschen aus aller Herren Länder zusammenfanden, um gegen das in Europa und der Welt heraufziehende Monstrum des Faschismus zu kämpfen und dabei Stolz und Freizügigkeit für sich entdeckten.

Nach der Niederschlagung der Revolution durch Franco blieb vor allem die Idee, dass eine andere Welt, auch durch die kämpfenden Frauen, möglich sei.

 

All das sind nur Anrisse und bei weitem nicht alle Beispiele, die man zu diesem Thema nennen könnte, doch sie zeigen, dass die Salonfeministinnen mit ihren abstrakten Ersteweltproblemen, unrecht haben. Man erlangt Freiheit nur indem man darum kämpft, wenn nötig mit Gewalt. Wir müssen immer und immer wieder für unsere Rechte kämpfen. Wir können sie nicht daherpalavern. Wir müssen Granzen ziehen und uns zur Wehr setzen gegen jene, die glauben sie könnten mit uns tun was sie wöllten.

Die Krise des westlichen Feminismus ist die gleiche wie die der Linken insgesamt. Man kämpft nur noch um abstrakte Begrifflichkeiten und nicht mehr um praktische Dinge. Wem Gendersprache und Frauenquoten vorkommen wie das Non-Plus-Ultra an erringbarer Freiheit, der hat das Prinzip des Kampfes nicht verstanden. Andere Menschen zu missionieren und alle zwei Sätze ihre Sprache zu korrigieren hat genauso wenig mit Feminismus zutun wie mit dem linkssein selbst.

Es ging und geht schon immer um den Kampf – nicht den abstrakten der Akademiker und Studenten, sondern den realen, der auf der Straße geführt wird und der dreckig und voller Fehler ist. Schon der Kampf um das Wahlrecht in den 20ern wurde eher draußen als drinnen geführt. Frauen prügelten sich mit der Polizei, wurden massenhaft verhaftet, geschlagen und geächtet. Mit der linken Einstellung von heute wären nicht mal diese kleinsten Bürgerrechte möglich gewesen.

Die Pseudofeministinnen sagen uns immer „Heute kämpft man nicht mehr auf der Straße um sein Recht. Heute sind wir viel zivilisierter und demokratischer. Heute nölen wir alle Welt auf Facebook zu.“ Und jeder ist genervt. Die Männer, die Frauen, die Kämpferinnen.

Wir Frauen erlangen unseren Stolz nicht zurück indem wir endlose Detaildiskussionen führen. Nein, wir brauchen ihn wieder, den gerechten Zorn, die Wut und die Gewalt gegen unsere Männergesellschaften, die uns künstlich klein halten und behaupten wir wären auf dem Höhepunkt unserer Freiheiten angelangt.

Neue Militante Form – AUSGABE 1 (ganzes Magazin)

NMF Cover Neu

 

VORWORT

Mit der „Neuen Militanten Form“ sollen alte Krusten in der deutschen Linken aufgebrochen werden. Denn auch wenn Sachsen zur Zeit als das „Bundesland des Bösen“ durch die Medien geistert ist die Wirklichkeit nochmal um einiges schlimmer. Der NSU und die in den Medien presenten Übergriffe sind nur die Spitze eines Eisberges dem man weder mit traditionalistischen Militanzspielen noch mit braven Kerzen anzünden und Sitzblockaden beikommen kann. 

Andererseits ist die Linke in ganz Europa extrem schwach aufgestellt. Sie ergeht sich seit Jahrzehnten in den immer gleichen Phrasen mit den immer gleichen Konzepten und weigert sich ohnmächtig sich an die neuen Realitäten anzupassen.

Ja, dieses Heft wird viele erzürnen, aber es soll auch provozieren. Besonders jene Teile der antiautoritären, linken und anarchistisch-autonomen Bewegung, die meinen es könne alles so weitergehen wie seit 30 Jahren. Es ist eine bewusste Polemik und ein Diskussionsvorschlag für zukünftige Konzepte, gerade in den „No Go Areas“, wo rechte Milizen und eine für jegliche Verbrechen ebenjener blinde Polizei das Leben bestimmen.

 

DIE LINKE BEWEGUNG IN DER KRISE

Mit der Verschärfung der weltweiten Wirtschaftskrise verschärfen sich auch die Lebensbedingungen der Menschen. Daraus resultieren weltweit politische Erdbeben hin zu einer völlig der Ausbeutung des Menschen verschriebenen, völlig entsolidarisierten Gesellschaft in der Faschismus nicht nur eine Tendenz ist, sondern ein Teil der Realpolitik. Das fängt bei der Abschottungspolitik an, hin zu völliger Narrenfreiheit für staatliche Organe und endet irgendwo bei den militärischen Muskelspielen im Nahen Osten und an der russischen Grenze. Die Menschen in dieser Art von Gesellschaft sind sich selbst nur am nächsten und jede Form der Solidarität – sei es im Privaten oder organisiert – fällt zunehmend weg. Es herrschen die Ellenbogen. Jeder gegen Jeden. Der real existierende Kapitalismus, der alles – selbst Menschenleben – nach Nützlichkeit bewertet. Wertes und unwertes Leben kehren so in den Alltag zurück. Diese soziale Kälte nützt dabei vor allem den rechten Scharfmachern in Parteien, Kameradschaften und großen Teilen der Medien.

Die linken, sozialen Bewegungen stellen in diesem Klima eine marginale Oppossition dar und dies nicht ganz unverschuldet. Dass progressives Gedankengut offensichtlich für einen Großteil der Bevölkerung nicht mehr attraktiv ist hat viellerlei Gründe. Der wichtigste Punkt ist wohl, dass die Linke sich in den letzten 20 Jahren zunehmend von der Außenwelt abgeschottet hat und auf elitäre Ghettobildung setzte, dessen Kreis nur für Eingeweihte betretbar ist und aus dem man bei kleinsten Störungen auch gleich wieder ausgeschlossen wird. Die soziale Bewegung wurde zu einer homogenen Szene in der Dress- und Sprachcodes wichtiger wurden als die eigentlichen Inhalte. Man entfremdete sich zunehmend vom „revolutionären Objekt“ – sprich, den Armen, den Ausgebeuteten, den Unterdrückten – und ergoss sich in teils sozialchauvinistische, rassistische und antiproletarische Diskurse. Woran auch das Wirken der sogenannten Antideuschen nicht unschuldig ist. „Das Proletariat“ wurde zunehmend zu einem entfremdeten, politikwissenschaftlichen Begriff und nicht zu einer Sache oder einem Teil der Bevölkerung mit der man sich ernsthaft auseinander setzen müsste. Hinzu kam die Stigmatisierung von Arbeitern als dumm, ungebildet, „bildungsfern“, rassitisch und automatisch rechts. Teile der Linken kamen zu dem mörderischen Trugschluss, dass man sich mit den unter dem Kapitalismus leidenden Teil der Bevölkerung nicht mehr auseinandersetzen müsste, weil der Kapitalismus als Sache nicht existiert, sondern nur ein abstraktes Gebilde ist, dass komplett ohne Menschen zu bewerten sei. Diese extremen Fehlschlüsse gesellschaftlicher Entwicklungen seit den 2000er Jahren waren es auch, die die politische Linke ins Abseits beförderten und Platz machten für reaktionäre Kräfte. Die Teile der Linken, die sich noch ernsthaft etwas unter sozialer Revolution vorstellen konnten, dass über Szene-Chic, Mai-Randale und Theoriezirkel hinausging wurden schließlich noch von den eigenen Reihen stigmatisiert. Im besten Fall war man einfach nur weltfremd und utopisch, im schlimmsten Fall wurde sich Antisemitismus und vermeintlicher Faschismus aus den Fingern gesaugt. Dennuziert hat man in Zeiten des Internets schließlich schnell. Kurzum: Die heutige Linke hat völlig vergessen worum es geht. Stattdessen führt man Diskurse aus dem Elfenbeinturm der deutschen Mittelschicht, die mit der Realität prekär lebender Menschen überhaupt nichts mehr zutun haben. Wenn ich von 400 Euro im Monat leben muss ist das Letzte, was mich interessiert, ob denn alles bio, glutenfrei und nachhaltig produziert wurde, wenn ich schon Probleme habe mir den billigsten Fraß bei Aldi leisten zu können. Oder die Sache, dass autonome Gruppen heute kaum noch arbeitendes Volk inne haben. Stattdessen erzählen dem geneigten Zuhörer Studenten aus besseren Hause von der Weltrevolution und ihren Ersteweltproblemen. Nur selten wird man in heutigen autonomen Gruppen etwas über die Ungleichverteilung im Kapitalismus hören, außer vielleicht als Marx-Zitat. Die Bodenhaftung, der Draht zu den realen Verhältnissen ist vielen abhanden gekommen. So nehmen auch hier rechte Gruppen den Platz ein, der von Linken frei gemacht wurde. Wenn es nun ausgerechnet Nazis und andere reaktionäre Leute sind, die sich zumindest scheinbar für die soziale Ungerechtigkeit im Lande interessieren – und wie immer die falschen Schlüsse ziehen -, dann hinterlässt das Spuren in der Bevölkerung. Wenn man den Menschen nicht mehr offen begegnet, sondern sie als „Unterschicht“ abtut mit der eh keine Revolution zu machen sei. Nein, die Revolution ist nicht zu machen mit dem reaktionären, dumpfen Flügel der Antiautoritären, die sich im Leid ihrer schrecklichen Wohlstandsgesellschaft sulen und völlig abgestumpft sind für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Die Egomanen, die schon ganze Strukturen aus Geltungssucht zerschlagen haben. So hat sich „links“ für viele Menschen in den letzten Jahrzehnten vor allem als unsozial und arrogant in die Köpfe eingebrannt.

Sackgasse Homogenität 

Dass die Homogenität kleiner, zerstrittener Gruppen in die Sackgasse führt ist nicht neu. In „Der totale Widerstand“, dem Offiziershandbuch von Major H. von Dach der Schweizer Armee – welches in Deutschland seit 1989 verboten ist – wird bereits aus organisatorischen Gründen darauf verwießen, dass kleine zellenähnliche Strukturen nur funktionieren, wenn es genügend Heterogenität gibt. Mit anderen Worten, wenn es genug Meinungsaustausch stattfindet und die Strukturen so in Bewegung bleiben. Was für das gurelliaerfahrende, schweizer Militär gilt kann man ohne Probleme auch auf politische Gruppen anwenden. Eine heterogene Gesellschaft gewährleistet genügend ideenaustausch, um nicht eines Tages in der Sackgasse der Routine zu erwachen. Die heutige Linke besteht aus vielen kleinen, zersplitterten homogenen Grüppchen, die miteinander schlecht oder gar nicht vernetzt sind. Also das genaue Gegenteil von dem was nötig ist. Heterogenität ist lebenswichtig. Das bedeudet aber auch, dass man abweichende Meinungen und Ideen aushalten muss und nicht alles, was einen „komisch vorkommt“ präventiv erstmal in die Nazi-Ecke schiebt damit man ja auch seine weiße Weste behält. Es bedeudet sich mit Menschen zu verbinden, die auf den ersten Blick nicht ins homogene Ghetto passen und darüber eine breite Front zu etablieren. Im übrigen nicht zu verwechseln mit einer Querfront. Die geht nämlich immer von rechts nach links, nie umgekehrt.

Will man eine Gesellschaft in autonomen Zellen organisieren wie es Autonome und Anarchisten vorschlagen, so darf man keineswegs in die Tyrannei der Homogenität und der informellen Gruppen verfallen. Daher empfehle ich auch dringend einen Umbau der Strukturen. Raus aus den informellen Grüppchen, die alle ihr eignes Süppchen kochen, hin zu einer plattformistisch organisierten, tragfähigen Struktur.

Chance Plattformismus

Der Plattformismus entstand während der Machno-Revolution in der Ukraine in den 20er Jahren als Lehre aus dem Bolschewismus in der Russischen Revolution von 1918. Um anarchistische und freiheitliche Gruppen nicht gegenüber autoritären Strukturen untergehen zu lassen wurde sich auf ein Mindestmaß an einheitlicher Organisation geeinigt.

Die 4 Grundpfeiler des Plattformismus:

Ideologische Einheit 

Identifikation mit den politischen Zielen der Gruppe. 

Taktische Einheit 

Strategisch-taktische Einigkeit in der Gruppe. 

Kollektivtätigkeit 

Arbeit in der Gruppe und für die Gruppe. 

Disziplin 

Das einhalten von Verbindlichkeiten, ohne wenn und aber. 

Gerade der letzte Teil ist wichtig und wird in vielen heutigen Gruppen schwer vernachlässigt. Nach dem Motto „Aber ich bin Anarchist, ich hab jetzt keine Lust.“ 

Ohne eine fundamentale Selbstdisziplinierung der linken Bewegung wird es auch in Zukunft nur wenig Besserung geben. Aussagen wie „Ich hab jetzt kein Bock.“ oder das nicht wahrnehmen wichtiger Termine sind keine „anarchistischen Freiheiten“, sondern purer Egoismus. Diese Art des „Ego-Anarchos“, dass vor allem in autonomen, informellen Gruppen beheimatet ist hat sich aus Entscheidungsfragen zurückzuziehen und Entscheidungen unterzuordnen bis es dazugelernt hat. Das ist eine Maßnahme um die rein egogebundenen Aktions- bzw. Nichtaktionsgruppen einzudämmen und wieder funktionierende Strukturen zu ermöglichen. Das mag für einige jetzt autoritär klingen kann aber mitunter die einzige Möglichkeit sein die informelle Tyrannei aus Ego-Interessen und Freundes-Cliquen einzudämmen. Neben fehlender Heterogenität ist vor allem das verkommen zu kleinen „Amigo-Grüppchen“ das größte Problem der antiautoritären Linken. Die Mitglieder der Gruppen haben dafür Sorge zu tragen, dass sich derartige Machtgefälle gar nicht erst bilden. Z.b. mit rotierenden Mandaten. Eine abgewandelte Form dieser negativen Machtausübung ist es immer auf Solidarität zu pochen und dann Genossen bis zur Erschöpfung mit Arbeit zu überschwemmen – selbst aber keinen Finger krumm zu machen.So werden Ressoucen und Menschen in Strukturen verheizt. Das endet dann meist mit dem kompletten Zusammenbruch der Struktur. 

Angst ist kein guter Ratgeber 

Um die nötige Heterogenität zu erreichen müssen sich Strukturen herauswagen aus ihrem Szene-Ghetto und sich breit der Öffentlichkeit präsentieren. Die üblichen Kommentare an dieser Stelle sind meist folgende: 

Aber dann wissen die Nazis von uns!“ oder „Dann sieht uns doch die Polizei!

Das Problem sind im übrigen nicht die berechtigten Ängste von Beteiligten, sondern das vorschieben von vermeintlichen Bedenken als Grund warum man schon wieder nichts machen kann und lieber Bier trinken geht. Die gefürchtete Verfolgung und Ablehnung ist dabei selbst in Sachsen nicht so extrem wie sie in der aktuellen Lage sein könnte. Viel schlimmer wirkt sich dagegen das ständige schweigen und Geheimniskrämerei aus, weil so selbst in eigenen Strukturen keine Vertrauensbasis existiert. Stattdessen breitet sich Paranoia unter den Beteiligten aus, die dann Feinde sehen wo keine sind und echte Bedrohungslagen zuweilen von Grund auf falsch eingeschätzt werden.

Stattdessen gilt es die eigenen Ängste zu überwinden und sich für die Außenarbeit ein dickes Fell zuzulegen. Das heißt, dass nicht jede Kritik oder Anmerkung gleich völlig persönlich genommen wird.

Wo wir wieder bei informellen Gruppen und Amigo-Netzwerken wären. In einer Gruppe, die halbwegs professionell wirken möchte sind diese Befindlichkeiten weiter hinten anzustellen. Es geht eben nicht darum die coolste Gruppe in der Stadt zu sein, sondern politisch etwas zu bewirken. Das vergessen viele Aktivisten aus dem antiautoritären Spektrum immer wieder. Alles andere ist lediglich ein verbraten von Energien, die Mensch vielleicht an anderer Stelle gebraucht hätte.

All das sind Dinge, die Strukturen schwächen und verhindern, dass eine Öffentlichkeit für Themen geschaffen wird. 

Zukunft der Bewegung 

Heutige linke Strukturen zeichnen sich vor allem durch eine gigantische Ideenlosigkeit aus. Man rezitiert geradezu sektiererisch Marx, Engels, Bakunin oder Kropotkin und hofft, dass die Revolution sich irgendwann schon von alleine einstellt.

Die heutige Linke vermittelt nach außen vor allem, was sie alles scheiße findet, aber hatte keine einzige zukunftsträchtige Idee in den letzten 20 Jahren. Es gibt schlicht kein Konzept für „was mal werden soll“. 

Zwar gibt es vereinzelte Projekte, VoKüs oder Umsonstläden, doch keines dieser Konzepte spricht die Mehrheit der Bevölkerung an. Fragt man einen Linken an dieser Stelle wird er vermutlich beteuern dass die Menschheit noch nicht bereit ist, die Leute zu dumm sind oder einfach Nazis, die die sehr, sehr kleinen Schritte zur Utopie nicht zu würdigen wissen. Dass Mensch mit so einer Einstellung bei der Allgemeinheit keinen Blumentopf gewinnt sollte klar sein. Dabei geht es nicht um Anpassung, sondern darum nach außen zu projezieren, dass eben nicht alles scheiße ist und der Mensch sich in 50 Jahren selbst ausgerottet hat, weil er am Genmais erstickt ist – wenn ihm vorher nicht noch die AKWs um die Ohren geflogen sind.

Die dystopischen Anwandlungen mancher Genossen helfen nicht gerade, wenn es darum geht Hoffnung auf eine gerechtere Welt zu machen, die man vielleicht sogar noch selbst erleben könnte. Dann bleibt die befreite Gesellschaft Utopie – und das völlig mit Absicht. 

Daher sollte der Ansatz nicht bei irgendwelchen Horrorvorstellungen stehen bleiben oder sich in ein utopisches Delirium zu stürzen, um den Kapitalismus auch nur halbwegs ertragen zu können. Da ist man in einigen der besonders krisengebeutelten EU-Länder schon weiter. Spanien und Griechenland etwa. Dort entstehen aus purer Not heraus alternative Konzepte und das nicht nur auf dem Papier, sondern als gelebte Realität. Zum Beispiel die autonome Klinik in Thessaloniki, wo Menschen unentgeldlich versorgt werden nachdem durch die Kürzungen im öffentlichen Haushalt das Gesundheitssystem in Griechenland fast zusammengebrochen ist. Zudem gab es Betriebsbesetzungen, etwa beim Seifenhersteller Vio.Me. Es gibt Stadtteilräte und sogar eigene Sicherheitskräfte. All diese realen Beispiele im hier und jetzt versetzen die Linke in Deutschland stets ins Staunen. Wie das denn alles möglich sei, wird da gefragt anstatt Konzepte zu erarbeiten wie soetwas auch in (Ost)deutschland möglich sein könnte. Stattdessen wirkt hierzulande selbst eine Forderung nach einem Generalstreik schon wie die reinste Utopie. Kämpferische Gewerkschaftler werden wenig unterstützt und ihr Kampf weniger wertgeschätzt als das traditionalistische demonstrieren gegen Nazihäuflein. Die „soziale Revolution“ ist scheintot. Selbst kleine Forderungen nach dem, was den Ausgebeuteten Zusteht trifft nicht nur unter den Chefs und oberen Klasse auf wenig Gegenliebe, sondern auch im eigenen Lager. Zwar wird viel erzählt vom Kapitalismus und was er so alles in unserer Welt anstellt – nur ernsthaft bekämpfen will ihn außer ein paar Spinnern offensichtlich niemand mehr, denn auch ein großer Teil der Antiautoritären hat sich recht gut eingerichtet in Postdemokratie und vollendetem Kapitalismus.

Ideen haben die Miesmacher aber meist auch keine außer dass sie bitte in ihren autonomen Ghettos vor sich hin dümpeln wollen wie in den letzten 30 Jahren.

So ist Zukunftsgestaltung in der Tat schwierig. Oder um außnahmsweise mal Marx zu zitieren: „In Deutschland gibt es keine Revolution, denn das betreten des Rasens ist verboten.

Am Ende bleibt die bittere Erkenntniss, dass die linke Bewegung in Deutschland A) zu bequem und B) zu sehr in Traditionalismus festgefahren ist, um sich ernsthaft verändern zu können. Es bräuchte einen krasse Umgestaltung der inneren Strukturen der Antiautoritären, um auch nur im Ansatz handlungsfähig zu werden. Plattformismus und Heterogenität sind Ansätze in diese Richtung, wenn auch keine absoluten. Aus informellen Plenas müssten ernsthafte Rätestrukturen geschaffen werden, die ihre Mitglieder und vor allem die Menschen außerhalb dieser wieder ernst nehmen. Es bräuchte dazu noch viel mehr Mut zu größeren Projekten außerhalb der eigenen VoKü. Mut zur Veränderung. Mut unter Menschen zu gehen und klar zu sagen was man will. Eine Profilbildung nach außen muss wieder stattfinden, die über Party und Bier trinken hinaus geht. Weit hinaus. Sich auf der Idiotenwiese linksautonomer Politik nicht abspeisen zu lassen. Gezielt in Schulen und Betriebe zu gehen. Nicht nur Aufkleber im eigenen Autonomen Zentrum. Sich bewusst dieser nötigen Konfrontation mit der Gesellschaft auszusetzen. Selbstbewusst auftreten und aufhören sich zu verstecken. Das wäre zumindest ein Anfang.

 

DAS ENDE DES SCHWARZEN BLOCKS 

Der Schwarze Block kommt ursprünglich aus der autonomen Szene der 70er Jahre und diente bei Massaktionen mit zehntausend Demonstranten und aufwärts als Anonymisierungsmethode. Heute ist der Schwarze Block vor allem ein Spielfeld für Mackergehabe und Gewaltfetischisierung. Als Anonymisierung ist er kaum noch zu gebrauchen, da autonome und antifaschistische Demonstrationen selten noch die Tausendermarken knacken. Es ist eher als würde man sich ein Fadenkreuz auf den Leib zeichnen und damit durch die Gegend laufen. Irgendjemand wird schon schießen. Die typische Klientel des Schwarzen Blocks besteht heute nicht mehr aus wütenden Studenten oder Arbeitern, sondern aus „erlebnisorientierten Jugendlichen“, linken Hooligans und Mackern. Als militante Methode hat der Schwarze Block schon seit den 90ern ausgedient, sondern ist eher ein Schaulaufen und Wetteifern, wer denn bitte der krasseste Typ in der Demo ist.

Auch haben sich mit den Jahren verschiedene Probleme in Bezug auf den Block ergeben. So ist es einfach unter schwarzen Klamotten und Schlauchtuch Provokateure in Demonstrationen einzuschleußen. Ebenso haben Nazigruppen ab den 2000er Jahren den Schwarzen Block in Form von Autonomen Nationalisten übernommen. Für unbedarfte Zuschauer, aber auch für eigene Leute ist bei Konfrontationen kaum noch einzuschätzen wer wer ist.

So gleichen sich rechte und linke Szene äußerlich immer stärker an und wird gerade hier in Sachsen zum vermeintlichen Beleg der Extremismustheorie, wonach rechts- und linksradikalität auch nur das Gleiche in verschiedenen Farben wären.

Auch hilft der Schwarze Block nicht bei ernsthaften Konfrontationen mit Nazis in Städten und Dörfern, da die Sympatisanten oft viel zu weit in den Vierteln und Regionen verstreut sind. Gezielte Aktionen sind oft nur in Kleingruppen oder Einzeln möglich. Als Massenanonymisierungsystem ist er so einfach nur nutzlos geworden. 

Auf den Müllhaufen der Geschichte! 

Aufgrund dieser Realitäten ist es nötig Militanz neu zu denken. Weg von aktionistischen Symbolaktionen der Marke „Aber wenn das jetzt alle machen würden!“ Die Vorbildfunktion vom symbolträchtigen Abfackeln von teuren Autos und Bundeswehr-LKWs ist außerhalb kleiner, militanter Kreise gleich null. Sie haben keine gesellschaftliche Wirkung außer der, dass Aktivisten relativ schnell eingeknastet werden und so der Bewegung nicht mehr nützen können. In einem linkeren, gesellschaftlichen Klima könnte vielleicht eine derartige Kettenreaktion entstehen, jedoch nicht in den reaktionären Zeiten von heute.

Statt Kräfte bei Aktionismus und Symbolaktionen zu verheizen sollte das Augenmerk auf einer effektiven Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Kräfte stehen. Soll heißen: Aktionismus verbannen. Militanz muss nicht nur der Mehrheit in der Verhältnismäßigkeit vermittelbar sein, sondern darf obendrein nicht zum reinen Fetisch verkommen.

In all diesen Punkten versagt die Taktik des Schwarzen Blocks. Demos in Schwarzen Blocks ähneln mehr den Auftritten von Fußballhooligans als einer politischen Sache. Oft sind Schwarze Blöcke nach außen hin extrem aggressiv und die Aktivisten leichtsinnig und ohne jedes Gefühl für Taktik und Militanz im richtigen Moment. Etwa, wenn 50 Leute in ihrem Schwarzen Blöckchen versuchen eine dreireihige Polizeikette zu durchbrechen oder man sich derart leichtfüßig von Nazis und Polizei provozieren, dass es ein leichtes ist Aktivisten vorzuführen und in eine „Randale-Falle“ zu locken. Derartige Ignoranz gegenüber von Strategie ist unverzeihlich und dumm und dient einzig der Befriedigung der eigenen Aggression, aber nicht dem Zielen einer straken Bewegung. Ebenso unnötig ist es Bekennerschreiben für jeden Farbbeutelwurf auf Indymedia zu stellen. Wer der Polizei alle Ermittlungsarbeit abnimmt muss sich über bestimmte Ergebnisse nicht wundern. Prinzipiell sind Bekennerschreiben so ziemlich der einfachste Weg in den Knast nach Aktionen. 

Manchmal ist Straßenkampf nötig  

Dazu braucht es jedoch keine Hobbyholligans, die sich selbst wie pures Kanonenfutter in jedes Schwert stürzen, dass man ihnen anbietet. Stattdessen sollte das Ziel sein in Stadtvierteln und provinziellen Kommunen eine stehende Truppe für Gefahrensituationen parat zu haben. Nennen wir sie der Einfachheit mal „Selbstverteidigungseinheiten“ (SVE). Die Menschen in diesen SVEs müssten in Selbstverteidigung geschult sein, dürfen keine Rambotypen sein, müssen zu hundert Prozent zuverlässig sein und in Stressituationen einen klaren Kopf behalten und strategisch denken können. Diese können dann zum Schutz von Objekten oder ganzen Straßen eingesetzt werden. Vor allem dürfen sie sich nicht aufgrund von Emotionalität zu Leichtsinn verführen lassen. Zudem muss es zusätzlich eine Art Informationssammelstelle geben. D.h. Menschen, die Informationen sammeln und auswerten über z.b. Naziaktivitäten, Polizei oder akute Gefährdungssituationen. Mit anderen Worten statt einer wilden Affenbande brauchen wir eigene Sicherheitskräfte, die sich auch durchsetzen können, wenn man belagert wird. Denn es nützt nichts überall großspurig von befreiten Zonen zu sprechen, wenn man diese nicht durchsetzen kann.

Denkbar ist eine Art Arbeitermiliz, die eigene Strukturen schützt. Ähnlich wie z.b. die Schwarzen Scharen in den 30ern. Antifaschistische Arbeitermilizen, die eigene Wohnviertel, Fabriken und Konferenzzentren vor Übergriffen der Nazis schützten. Wären derartige Strukturen geschaffen und erprobt, dann könnte man darüber auch neue Projekte im Schutz aufbauen anstatt immerzu in Angst vor Vergeltungsschlägen leben zu müssen, weil man irgendwo in der falschen Straße abgebogen ist. Die SVEs wären eine reine Verteidigungseinheit. D.h. sie würde nicht einfach Leute überfallen, deren Nasen gerade nicht passen. Sie müsste auf Mandat handeln und im rotierenden Rätesystem regelmäßig Macht abgeben. Z.b. indem bestimmte SVEs Aufgaben und Verantwortungsbereiche austauschen. All das würde aber vorraussetzen, dass die entsprechenden übergeordneten Strukturen gut miteinander vernetzt sind und ein reger, heterogener Austausch stattfindet. In einer homogenen (Kleinst)Szene wie sie jetzt existiert ist so eine Form der Verteidigung leider undenkbar. Der Schluss aus diesen Überlegungen wäre, dass die linke Bewegung sich selbst erst wieder als Bewegung und nicht als Szene wahrnehmen muss, die Homogenität ihrer Ghettos aufgibt und versucht eine breite Front aus Arbeitern, Prekären und kämpferischen Gewerkschaftlern und Aktivisten zu schmieden. Erst wenn diese breite Front existiert ist es auch möglich Unternehmungen in Richtung SVEs zu starten, um Straßen und Viertel, die von rechten Milizen in Beschlag genommen wurden Stück für Stück zurückzuerlangen. Mit anderen Worten, man müsste tun wozu die staatlichen Behörden nicht in der Lage oder Willens sind.

Militärisches Rüstzeug – mit Steinen gegen Panzer 

„Gewaltfreiheit funktioniert gut, wenn dein Gegner ein Gewissen hat.“ 

– Malcom X 

In den 70er Jahren blamierte sich die bürgerliche Linke als sie versuchte mit Mao-Bibel unter dem Arm mitten in der BRD eine lateinamerikanische Stadtgurellia aufzuziehen. Das ganze lief unter dem protztigen Namen „Rote Armee Fraktion“ und hätte nicht weiter von der Realität in der Republik entfernt sein können. Allerdings zeigte sie sehr gut, welche Art von Militanz zum Scheitern verurteilt ist. Daher möchte ich in diesem Schlusskapitel noch einmal näher auf das eingehen, was man „militärisches Rüstzeug“ nennt oder anders: Ein paar selbst gebaute Bomben machen noch lange keinen Widerstand, wenn nur ein marginaler Teil der Bevölkerung hinter einem steht. 

Fakt ist: militärischisch ist die hochgerüstete Polizei und Bundeswehr nicht zu besiegen. Punkt. Das sieht man bei jedem G-Gipfel und bei jedem 1. Mai. Steine gegen Panzer sind maximal Aggressionsbewältigung, aber kein ernstzunehmender Widerstand. Mit der Wahl von Donald Trump in den USA sprachen sich Teile der US-Linken für eine „Gun-Culture“ in linken Strukturen aus. Sprich, wenn rechte Milizen sich paramilitärisch bilden und ausrüsten müsse konsequenter Weise das auch in der Linken erfolgen, wenn man sich nicht abschlachten lassen will. Mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 und ein mögliches Worst-Case-Szenario namens CDU-AfD-Koalition wird dies auch für Deutschland interessant. Gibt es doch nahezu täglich gewalttätige Angriffe und die haben es in sich. Rechte Gruppen sind schon längst hochmilitarisiert und setzen ihren „Holy Racial War“ (RaHoWa) schon längst in die Tat um. Mit Schusswaffen, Knüppeln, Wehrsportübungen und Sprengstoffanschlägen. Vor einigen Jahren hätte ich vermutlich selbst noch für den passiven Widerstand plädiert, doch kristallisiert sich mittlerweile heraus, dass diese Entwicklung durch beten, Bäume umarmen und friedliches beisammen sein nicht aufzuhalten sein wird.

Als Pazifist kann ich Gewalt ablehnen, doch gerade hier geht es mittlerweile immer eindeutiger um Gewalt im Sinne der Notwehr. Niemand kann von einem Menschen verlangen sich bereitwillig ins Schlachthaus führen zu lassen. Die deutsche Linke hat sich über Jahrzehnte hinweg gegen das Militär gestellt und dabei selbst kaum militärische Erfahrung gemacht. Zwar gab und gibt es immer wieder maoistisch-marxistische Gruppen, die brandgefährliche Bombenanleitungen und ähnliches in Netz stellen, aber diese sind oft nahezu unbrauchbar. Und das nicht nur weil die Hobbychemiker zum Teil Mixturen verwenden bei denen jedem Pyrotechniker Angst und Bange wird. Dies ist die Stelle an der das Konzept der SVEs ansetzen soll. Sie ist nicht für den Kleinkrieg oder ähnliches gemacht soll aber gleichzeitig genug Schutz für Strukturen bieten. Das heißt man müsste einen Mittelweg finden zwischen „mit Steinen gegen Panzer“ und „Hobbybomber“. Diesen kann man sich tatsächlich direkt bei der Polizei abschauen in Form einer „linken Hundertschaft“. Entsprechend müsste man eine niederschwellige Rüstung bewerkstelligen. Finanzieren könnte man das Ganze über das Solidaritätsprinzip. Immerhin hat es für Waffen für Rojava ja auch gereicht. Die Einheiten würden dann entsprechend nicht als Sportgruppe handeln, sondern müssten ausgebildet werden im Umgang mit Waffen und Ausrüstung.Dazu taktisches Training und das Aufbauen von Versorgungslinien im niederschwelligen Bereich.

Während der Generalstreiks in Barcelona wurde dies u.a. immer wieder von der streikenden Feuerwehr bewerkstelligt, die in voller Schutzausrüstung Demonstranten vor der Polizei schützte indem sie sich als Schildwall aufstellten. Oder während der Straßenschlachten in Brüssel als die Müllabfuhr an forderster Front kämpfte. 

 

EIN NACHWORT 

Es ist wichtig zu begreifen, dass sich die immer weiter hochschaukelnde Krise nicht irgendwann von alleine erledigen wird. Die Einschläge kommen näher und die linksgerichteten Bewegungen müssen sich ebenso auf das kommende Chaos vorbereiten wie die Zivilgesellschaft, denn es ist nicht zu erwarten, dass sich die aufstrebende Neue Rechte von Worten sonderlich beeindrucken lässt. Insbesondere da bereits jetzt nahezu täglich Grenzen überschritten werden, die vor Jahren noch als standfest galten: Holocaustleugnung und Rassentheorie zur besten Sendezeit sind da nur zwei Beispiele. Denn auch der Faschismus der Vergangenheit kam nicht über Nacht. Viel eher hat man der Weltöffentlichkeit immer wieder eine höhere Dosis des Gifts verabreicht, um sehen zu können wie weit man unbeschadet gehen kann. Das Schweigen und die Zerstrittenheit des öffentlichen Widerstandes sorgten schließlich dafür, dass man sich daran gewöhnte. Und auch die täglichen Straßenschlachten der KPD mit der SA änderten da wenig dran. Auch weil KPD und SPD erst 1932 darauf kamen, dass der Faschismus in Deutschland eine größere Bedrohung sein könnte als die abweichende Meinung des jeweils anderen und viel zu spät mobil machten. Historiker gehen heute davon aus, dass man spätestens ab 1928 hätte militärisch auftreten müssen, um den Hitlerfaschismus überhaupt noch irgendwie eindämmen zu können. Das lehrt uns die Geschichte. (Und die Geschichte lehrt uns, dass sie uns nichts lehrt – um mal das berühmte Zitat von Plato zu bemühen.)

Anarchismus VERSUS Anti-Spezismus

Tierrechtler und Anarchismus

 

Uns ist völlig klar, dass dieses Thema bei den üblichen Kandidaten für aggressive Schnappatmung sorgen wird, allein weil wir es wagen dazu Stellung zu beziehen.

Wichtig ist, es geht hier nicht um die Ablehnung von Umwelt- und Tierschutz und alternativen Formen des Zusammenlebens, es geht einzig und allein um die autoritäre und zu Teilen sogar sektenartige Ideologie, die gerade in der Tierrechtsbewegung ihre Blüten treibt und in dieser Form im Grunde überhaupt nicht mit den freiheitlichen Ideen des Anarchismus vereinbar sind.

In vielen linken und anarchistischen Zusammenhängen gilt es als normal öko, vegan und tierfreundlich zu sein. Neben einem sehr romantischen bis naiven Bild von Bio-und Ökologie werden von vielen Aktivisten auch autoritäre, antisemitische bis offen faschistische Inhalte tolleriert oder sogar verbreitet.

Dazu gehören Szene-Filme wie „Earthlings“, der es schafft in den ersten 5 Minuten gleich mal den Holocaust zu leugnen, weil nach Meinung der Filmemacher es die Tiere in ihren „Tier-KZs“ viel schlimmer haben als jemals die Juden bei den Nazis.

Neben diesem als Dokumentation getarnten Stück billigster Propaganda gehören die Publikationen von Paul Singer und Theodore Katschinsky bis heute zum 1:1 des geneigten Tierrechtlers. Dabei wird eine seltsam anmutende Welt der Urgesellschaft glorifiziert, die nicht nur zivilisationsfeindlich, sondern oft auch extrem menschenfeindlich ausgestaltet ist. So ist der Mensch als Spezies an allem schuld, wo grad der Schuh drückt. Das wird je nach Aggressivitäts-Level gesteigert bis zum kompletten „Ökozid“ des Planeten, der nur durch eine Anti-Zivilisation und eine Bevölkerungsschrumpfung noch aufgehalten werden kann. Letzteres bedeutet, dass man – je nach Tierrechtler – einen Teil der Bevölkerung „entsorgen“ möchte, um das Armageddon aufzuhalten. Die gewaltsame Entfernung von bis zu 50% der Menschheit gehört zum habitus von Primitivisten, Anti-Spezisten und Esotherik-Ökos, die sich in der Tierrechtsbewegung vereinigen. (Wir möchten nur einmal ins Gedächtnis bringen, dass die Tierfreunde hier von der systematischen Vernichtung von mindestens 4-5 Milliarden Menschen reden!)

Ebenso sind antisemitische Zerrbilder an der Tagesordnung. So werden bei Kampagnen gegen das Schächten in erster Linie jüdische und muslimische Schlachttraditionen herausgekramt. In einschlägigen Foren werden, wenn es um vermeintliche „Tierquäler“ geht gerne Mal Bilder von Auschwitz und Erschießungen im Warschauer Ghetto hinzugezogen.

Selbst in linken Gruppen wird derartiges oft genug unwidersprochen gelassen, denn solange es für die Tiere ist, ist scheinbar jede Menschenverachtung recht. Oft genug laufen die gegenseitigen Ermunterungen nach dem Motto ab „Je zivilisations- und menschenfeindlicher, desto glücklicher der Tierrechtler.“

Zwar distanzieren sich linke und anarchistische Gruppen immer etwas halbherzig von antisemitischen und faschistischen Umtrieben, übernehmen aber gerne unwidersprochen deren Propaganda. Gerade was die Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien angeht stehen die meisten Tierrechtsgruppen Reichsbürgern und Impfgegnern in nichts nach. Da gibt es dann ein geheimes Netzwerk aus einer ominösen Fleisch- und Pharmalobby, die gleich mal ganze Staaten regiert. Gerade bei den Kampagnen gegen Monsanto und Bayer konnte man immer wieder hören, dass „die da oben“ bei den Lobbyisten alle Fäden in der Hand haben.  Nicht mehr weit entfernt ist man dann in der Regel vom „raffenden, jüdischen Kapital“ aus der NS-Propaganda. Denn die ganze Welt könnte so schön sein, wenn „die da oben“ nicht alles kontrollieren würden. Wendungen, die man auch in anarchistischen Gruppen zu oft um die Ohren gepfeffert bekommt.

Der real existierende Kapitalismus hingegen wird so gut wie nie erwähnt. Wenn Tiere leiden oder die Umwelt zerstört wird, dann ist das die Schuld von einzelnen, schlechten Menschen oder Firmen. Hat man diese beseitigt steht dem veganen Glück nichts mehr im Wege. Ist man als Mensch doch so dreißt und versucht etwa kapitalistische Zusammenhänge in der Landwirtschaft zu erklären wird gebockt und nicht selten bekommt man das Argument zu hören „Das interessiert uns nicht. Das ist doch nur Symptombekämpfung!“

Fragt man Tierrechtler ist es nicht selten auch verachtenswerte Symptombekämpfung reales Leid zu lindern indem man ehrenamtlich in Tierheimen hilft, Gnadenhöfe mitorganisiert oder vielleicht sogar in Programmen zur Arterhaltung mitarbeitet. Alles ist Recht solange man nur konsequent seine Anti-Haltung beibehalten kann.

Uns ist klar warum primitivistische, esotherische und antispezistische Argumente gerade für Menschen aus konsumorientierten, städischen Gebieten so attraktiv sind. Man kann in eine klare Kontrahaltung zur Gesellschaft gehen ohne viel dafür machen zu müssen – außer die Ernährung umzustellen und jeden, ob er will oder nicht, religiös anmutend zu missionieren.

Wir – und nicht nur wir – sehen diese Entwicklung mit Sorge. Auch weil viele Aussagen der Tierrechtsbewegung komplett im Gegensatz zum Anarchismus mit seinen freiheitlichen Prinzipien steht. Dazu gehört auch, dass jeder Essen kann, was er will, ohne religiös-missionarische, moralisierende Predigten fürchten zu müssen.

Die Anschlusspunkte für fundamentalistische Christen, autoritäre Ökos und antisemitische Verschwörungstheorien agieren jedoch fließend und sind gerade auch in anarchistischen Zusammenhängen komplett fehl am Platze. Noch dazu, wenn klassenkämpferische Perspektiven immer weiter ausgeblendet werden.

So gab es Vorfälle in der örtlichen FAU (FreieArbeiterInnenUnion) unseres Autoren in denen Tierrechtler es schafften die Satzung einer anarchistischen Gewerkschaft auf Tiere umzuschreiben und Klassismus gegenüber Bauern und Fleischern salonfähig zu machen und sogar zu verneinen, wenn hypothetisch gefragt wurde „Würdet ihr einen Arbeitskampf bei einem Metzger unterstützen?“ Die Antwort darauf war ein salopp umformulierter Anti-Polizei-Spruch: „Niemand muss Fleischer sein.“

Klassenbewusstsein und gewerkschaftliche Solidarität gleich null.

Die FAU Bielefeld sah sich sogar genötigt eine Veranstaltung zu primitivistischen Strömungen zu machen, denn gerade auch in egalitären Kreisen sind Zivilisations- und Menschenfeindlichkeit auf dem Vormarsch.

Siehe: http://faubielefeld.blogsport.de/images/Kritik_des_AnarchoPrimitivismus_02.pdf

Zu guter letzt lässt sich nur sagen, dass diesen Entwicklungen mit starken anarchistischen Positionierungen, gerade auch bei den Themen Umweltschutz, entgegengewirkt werden müssen, aber natürlich nicht ohne die kapitalitischen Ursachen völlig zu verneinen. Denn das Tierleid in den Ställen ist nur ein weiterer Ausdruck des Kapitalismus. Der Arbeiter in den Ställen und Schlachthäusern ist für das Managment kaum mehr wert als das Tier, dass er am Fließband zerlegt.

Disziplin ist kein Gehorsam!

Disziplin ist kein Gehorsam

Die hitzigsten Diskussionen gibt es immer, wenn das Wort „Disziplin“ in linken Gruppen auftaucht.

Dabei ist allgemein erst einmal festzuhalten, das Disziplin nicht automatisch den (sehr deutschen) Kadavergehorsam des Militärs oder die leistungsorientierte (Selbst)Disziplinierung des neoliberalen Markts meint.

Wenn Anarchisten von Disziplin reden – und das tun sie dieser Tage viel zu wenig – dann meinen sie oft eine emanzipierte Selbstdisziplinierung, die sich für Dinge und Strukturen einsetzt, weil sie es will und nicht weil sie es muss.

In Verbindung mit dem Plattformismus ist die anarchistische Disziplin die wichtigste Organisationseigenschaft. Nur durch strikte Selbstdisziplin kann man gemeinsam Ziele erreichen und soziale Kämpfe führen.

Wenn man in deutsche Anarchogruppen schaut, dann sieht man eher das Gegenteil. Jede Form von Disziplin wird abgelehnt, weil auch der Wille fortzuschreiten frustrierend gering ist. Obwohl man sich Anarchist nennt hat man keine Vision und keine Utopie für die man eintritt. Man „revolutioniert vor sich hin“ in geschlossenen geistigen Ghettos, die kaum Zugang zum Rest der Gesellschaft bieten.

Sieht man in die Vergangenheit der Bewegung, dann sieht man, dass es vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts viele starke, disziplinär ausgerichtete Gruppen im Anarchismus gab – auch hier in Deutschland. Dazu gehörten Anarchosyndikalisten wie die FAUD (Freie ArbeiterInnen Union Deutschlands) ebenso wie die im spanischen Bürgerkrieg kämpfende DAS (Deutsche Anarchisten in Spanien) oder die Schwarzen Scharen. Alles Verbindungen, die revolutionäre Arbeit schufen unter Bedingungen, die weitaus schlechter waren als die heutigen.

Wenn man heute jedoch versucht über Disziplin in anarchistischen Zusammenhängen zu sprechen wird jede Diskussion erstickt von Leuten, die sagen das sei autoritär oder gar faschistisch. Oft dienen diese Versuche jedoch einzig dazu einen „anarchistische Orthodoxie“ zu forcieren, die nichts anderes tut als über Theorien sinnierend in Cafés zu sitzen, Rotwein zu trinken und mit der Mentalität von religös anmutenden Predigern zu erklären warum dieses oder jenen nicht geht und warum gefälligst alles so bleiben soll wie seit 40 Jahren. Jede mögliche Idee und Überlegung wird eingestampft mit dem Satz „Das ist doch autoritär.“, so dass man wieder zur Tagesordnung des genüsslichen Chillens in politischen Gruppen übergehen kann.

Politische Gruppen sind und sollen aber keine Selbsthilfekindergärten sein zu denen gerade auch viele anarchistische Projekte verkommen sind. Politische Gruppen sollen raus gehen und etwas bewirken. Und das tut man selten beim Kaffee und Kuchen (oder Joint und veganem Aufstrich)

Daher braucht es nicht noch mehr Theoriezirkel, die so unglaublich bieder und deutsch sind, dass es die Mitglieder niemals freiwillig zugeben würden.

Die Disziplinierung ist eines der wichtigsten Mittel. Sie schafft Vertrauen durch Aktion. Niemand vertraut einer Gruppe, die es nicht einmal schafft sich 15.00 Uhr irgendwo zu treffen und E-Mails auszutauschen, weil das ja angeblich bürgerlich sei – und sowieso jeder Unbekannte, der sich dafür interessiert ein potenzieller Agent des Verfassungsschutzes ist.
Das stetige Misstrauen gegenüber allem und jeden sowie das nicht gebacken kriegen von Organisationsaufgaben („Weil ich hab heute keine Lust. Außerdem bin ich Anarchist!“) sind die größten und häufigsten Gruppenkiller und sorgen zudem dafür, dass anarchistische Gruppen kleine, sektiererische Zirkel bleiben in denen sich nichts bewegt außer die Frage „Mate oder Fritz Cola?“

Oft steckt hinter der Verweigerungshaltung und der unterschwelligen Furcht „Gehorsam“ zu sein die schiere Angst Verantwortung übernehmen zu müssen – für sich selbst und für andere. Gerade in heißen Planungsphasen vor einer Demo oder Aktion brechen oft genug die Leute weg, die der Verantwortung entgehen wollen durch Rückzug in die Verantwortungslosigkeit. So kommt es oft zu Vereinbarungs- und Vertrauenbrüchen, die schließlich die gesamte Struktur erschüttern und Gruppen komplett handlungsunfähig machen können.

Anarchismus bedeutet nicht nur Spaß und revolutionäres Remmidemmi. Es bedeutet die volle Verantwortung für sich und seine Handlungen zu übernehmen, als Einzelperson und als Gruppe.

Plattformismus – Was ist das?

In den letzten Jahrzehnten sind viele ursprüngliche Prinzipien des Anarchismus verwässert worden, wenn nicht gar verloren gegangen. Eines davon ist der Plattformismus.

Prinzipien des Plattformismus

Plattformismus – Was ist das?

Der Plattformismus ist eine Organisationsform des Anarchismus, der seine Ursprünge in der ukrainischen Revolution unter Nestor Machno in den 20er Jahren hat. Diese Entstand auf Antwort auf die Fehlschläge während der Russischen Revolution 1917 und sollte eine striktere Organisierung garantieren, die nicht von endlosen Debatten und Gremien ausgehebelt wird, während autoritäre Kräfte (damals in erster Linie durch die Bolschewisten) an einem vorbei ziehen.

Der Plattformismus besteht aus vier Grundprinzipien:

– ideologische Einheit

Ideen und Ideale einer Gruppe sind klar, auch in Detailfragen, und alle Mitglieder halten sich daran.

– taktische Einheit

Innerhalb einer Gruppe ist die grundsätzliche Strategie geregelt. Egal ob Aktionen oder innere Strukturen betreffend.

– disziplinäre Einheit

Es wird eine grundlegende Disziplin in Aufgabenverteilungen und Aufgaben in der Gruppe eingehalten. Wer aufgaben annimmt, der muss diese auch durchführen. Das ganze basiert auf rätedemokratischer Basis. D.h. bei massiven Verstößen oder „nichtstun“ können Verantwortliche von den Mitgliedern abgesetzt/ abgewählt werden.
Bei der „anarchistischen Displin“ geht es jedoch nicht um Gehorsam, sondern um die Einhaltung grundsätzlicher Dinge wie Terminen und Absprachen, da schon damals das größte Problem der antiautoritären Bewegung war sich an einfachste Regeln zu halten. Plattformisten fordern Disziplin von ihren Mitgliedern, um ein stetiges hinarbeiten auf ein Ziel zu gewährleisten. Viele heutige Gruppen scheitern oft schon daran, weil das fehlgeleitete Motto „Ich bin Anarchist. Ich muss gar nix.“ glorifiziert wird.

– Kollektivtätigkeit

Jedes Mitglied der Gruppe verpflichtet sich zu aktiver Arbeit im Kollektiv. Ein „herumlungern und revolutionäres Bier trinken“ wie es heute in vielen anarchistischen Gruppen Mode ist gibt es nicht. Wer sich Mitarbeit aktiv verweigert kann aus der Gruppe ausgeschlossen werden.

 


Der Plattformismus hat sich vor allem in südlichen Ländern durchgesetzt, während gerade in Mittel- und Westeuropa ein vor sich hin dröppelnder Individualanarchismus glorifiziert wird, der sich meist darin erschöpft, dass man jede Form von Struktur als „Autoritär“ ablehnt und das gemeinsame Trinken von Spirituosen und anderen erheiternden Dingen als revolutionär erachtet, während man die immer gleichen Diskussionen führt, ohne je die praktische Phase zu erreichen.

Der Plattformismus soll genau das verhindern. Er soll Struktur geben und revolutionäre Gruppen handlungsfähig halten.